Kunstgeschichte · Publikationen · Zeichnung

Sind Künstlerinnen und Künstler systemrelevant?

Sind Kuenstler*innen Systemrelevant (c) Susanne Haun in Magazin des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.
Sind Kuenstler*innen Systemrelevant (c) Susanne Haun in Magazin des Stadtteilzentrum Steglitz e.V.

Im Mittelpunkt – Magazin des Stadtteilzentrums Steglitz e.V.

Schon letztes Jahr fragte mich Anna vom Magazin Im Mittelpunkt des Stadtteilzentrums Steglitz e.V. ob ich mir vorstellen könnte, einen Artikel zur Systemrelevanz von Künstlerinnen und Künstler zu schreiben. Die Herausforderung des Artikels bestand auch darin, dasser nur 4500 Zeichen mit Leerzeichen besitzen durfte. Aber heisst es nicht, dass in der Kürze die Würze liegt? Kurz und Knackig fällt mir da auch noch ein ;-).

Cover des Magazins (c) des Stadtteilzentrums Steglitz e.V.

Wenn ihr Lust habt, dann könnt ihr unter diesem Link (klick) das gesamte Magazin als pdf lesen.

SYSTEMRELEVANZ

Ein Wort, von dem wir noch vor einem Jahr nicht ermessen konnten, welche Bedeutung es haben würde, ist nun aus dem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken.

Nehmen wir das Wort auseinander, so können wir Relevanz als wichtig und bedeutend definieren. Die Definition eines Systems ist nicht ganz so einfach. Eine Familie ist ein System. Ein kleiner Kosmos, wo jedes Mitglied Aufgaben zu erfüllen hat, damit der Haushalt funktioniert. Im Großen gedacht, sind Systeme Staaten, Vereine, Berufsgruppen und vieles mehr, was Struktur und Organisation benötigt, um zu funktionieren.

Auf der Seite des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales findet sich eine Liste der systemrelevanten Bereiche. Kunst und Kultur fanden keinen Eingang auf diese Liste und scheinen somit nicht systemre-levant. Im Tagesspiegel vom 16.4.20 findet sich ein Zitat von Richard von Weizsäcker: „Denn Kultur ist kein Luxus, den wir uns leisten oder auch streichen können, sondern der geistige Boden, der unsere eigentliche innere Überlebensfähigkeit sichert.“ Folgt man dieser Argumentation, kommt man schnell zu dem Schluss, dass Künstler_innen auf die Liste der systemrelevanten Bereiche gehören.

Künstler_innen regen mit ihren Arbeiten und neuen Denkweisen die Menschen an, selber neue Gedanken in der eigenen Arbeit im eigenen Leben zu finden. Sie gehen neue Wege neben dem Main-stream, die inspirierend wirken und auch in anderen Berufszweigen Ideen für Neuerungen aufzeigen.

Denken wir nur an die vielen neuen Formate, die durch Künstler*innen das Leben in der Covid-19 Zeit bereichert haben. Die Balkonkonzerte oder die Übertragung des Sing dela Sing Formates im virtuellen Raum sind zu nennen. Ausgewählte Lieder wurden über Handy-Videos von den Mitwirkenden in ihren Wohnungen aufgenom-men, von Technikern zusammengeschnitten und vermittelten so das Gefühl von gemeinsamen Gesang. Während der Ausstrahlung sah man in glückliche, singenden Gesichter. Kunst macht folglich glücklich und ist das nicht schon ein guter Grund, sie als systemrelevant zu klassifizieren?

Kunst ist eine Form des politischen Ausdrucks. Das Produzieren, Konsumieren und Verbreiten von Kunst ist ein relevanter Teil demokratischer Teilhabe.

Auf Wahlplakaten und Schildern, die bei Demonstrationen hochgehalten werden, finden sich neben der Schrift Bilder. Kleine Piktogramme, Logos, weisen schon auf eine politische Richtung hin, Smileys können Zustimmung oder Ablehnung vermitteln. Mit wenigen Linien können Inhalte übertragen werden. Bei der Vielzahl an verschiedenster Demonstrationen sollte man die Kunst als Transportmittel von Gedanken nicht unterschätzen. Neue Formate sind am entstehen. Künst-ler_innen sind erfinderisch: Podcasts zur Kunst, der Podcast als eigenes Kunstwerk, Virtual-Reality und digitale Ausstellungseröffnungen.

Viele Künstler_innen gehen mit Mut diese neuen Wege, auch, wenn damit teure Invenstitionen in digitale Technik verbunden sind. Es ist nicht zu vergessen, auch dieser kreative, selbstständig arbeitende Berufszweig zahlt Miete, Kranken- und Rentenversicherung und möchte essen. Noch gibt es keine Zahlen, ob sich die Investitionen lohnen und auf virtuellen so viele Bilder verkauft werden wie auf realen Vernissagen.

Beim Betrachten eines Kunstwerkes wer-den Gefühle wie Wärme, Zustimmung, Ablehnung und Aufforderung zur Diskus-sion an die Oberfläche gebracht. Der Lock-down ist gerade für Singles und Bewohner_innen von Pflegeeinrichtungen eine Zeit ohne Umarmung, in der sie in Kunst und Kultur Trost finden. Hunderte Zeichner äußern sich z.B. auf der Internetseite „Illustratoren gegen Corona“ und der WDR stärkt Eltern mit einem täglichen, einstün-digen Podcast mit der Maus den Rücken.

Ich selbst bin Künstlerin. Es ist nicht einfach, in Zeiten von Covid-19 sichtbar zu bleiben. Meinen vierteljährlichen sehr gut besuchten KunstSalon in meinem Atelier musste ich absagen. In der ersten Zeit des Lockdowns habe ich den Entschluss gefasst, die veranstaltungsfreie Zeit zu nutzen, um einen Auszug meines Werkverzeichnisses zur Publikation vorzubereiten und so meinem Publikum die Möglichkeit zu geben, auf konventionelle Weise in den Kunstgenuss meiner Arbeiten zu kommen. Die Broschüre „SUSANNE HAUN | Werk-schau 2013 – 2020“ ist im Dezember 2020 im Eichhörnchenverlag erschienen.

SUSANNE HAUN | Werkschau 2013 – 2020

Für 8 Euro inklusive Porto innerhalb Deutschlands könnt ihr die Broschüre entweder unter diesem Link (-> klick) im Eichhörnchenverlag kaufen oder ihr bestellt sie bei mir (info@susannehaun.de) und ich sende euch die Broschüre mit Widmung zu. Ihr bezahlt bei Lieferung, die Kontodaten findet ihr auf der mit der Publikation gesendeten Rechnung.
Ganz schnelle nutzen unkompliziert den paypal Button und für die, die lieber anonym bleiben wollen, können hier bei Amazon bestellen (-> klick).

SUSANNE HAUN | Werkschau 2013 – 2020

Die Broschüre wird von Susanne Haun signiert und wenn gewollt mit einer persönlichen Widmung versehen. Der Preis versteht sich inklusive Porto innerhalb Deutschlands (Bitte Porto außerhalb Deutschlands anfragen info@susannehaun.de) „Es ist nicht weniger, als die Quadratur des Kreises, an welcher sich diese Broschur versuchen muss, denn das Œuvre Susanne Hauns ist so groß und reich an Höhepunkten, dass es jede Form der Übersicht sprengt und es wächst stetig. Dennoch ist der Künstlerin mit der vorliegenden Sammlung eine herausragende Auswahl einiger ihrer wichtigsten, spannendsten und besonders ihrer aktuellen Werke gelungen.“ Aus dem Vorwort von Nina A. Schuchard Zeichnungen und Collagen: Susanne Haun Texte: Susanne Haun, Meike Lander, Nina A. Schuchardt, Cristina Wiedebusch ISBN 978-3-948945-00-8 Broschüre, 52 Seiten, A4, limitierte Auflage (250 Stk.), nummeriert und signiert

8,00 €

14 Kommentare zu „Sind Künstlerinnen und Künstler systemrelevant?

  1. Liebe Susanne!
    Dieser Beitrag ist ein schöner Anstubser für die Frage, ob wir Künstler eine solche große Bedeutung haben, dass ohne unser Tun das demokratische, gesellschaftliche, politische, Soziale und zwischenmenschliche System zusammenbrechen würde. Oder anders herum: worin,legt denn unsere Bedeutsamkeit? Ist es eine Bedeutsamkeit, die uns unverzichtbar macht? Wie gesagt: ein Anstubser, der mich zum nachdenken bringt.
    Schönes Wochenende, Liebe Grüße
    Jürgen

    1. Lieber Jürgen,
      es freut mich, dass dich die Frage zur Systemrelevanz zum Nachdenken bringt. Bist du über die Bedeutsamkeit der Künstler_innen schon zu einer Entscheidung gelangt?
      Einen schönen Karfreitag wünscht dir Susanne

  2. Ja, liebe Susanne, das gesellschaftliche Miteinander ist sehr komplex.
    Mit dem Wort „Systemrelevant“ komme ich nach wie vor nicht so ganz klar, denn „das System“ besteht ja aus vielen unterschiedlichen Teilsystemen, die auf verschiedene Weise agieren.
    Ja, es stimmt, Kunst wird unterschiedlich ernst genommen. Ja, Kunst hat Bedeutung, aber ob sie für jedermann/jederfrau auch einen Stellenwert hat? Für manch einen ist Kunst eine Offenbarung, ein Trost, ein „roter Faden“, eine Hilfe in der C-Zeit, aber ob das für jeden gilt? Ob das für jedes dieser Teilsysteme, die unser System ausmachen, gilt?
    Liebe Grüße von Rosie

    1. Liebe Rosie,
      es kommt darauf an, wie man Kunst definiert. Ich empfinde eine gute Rede im Bundestag mit guter Rhetorik gehalten als Kunst. Rhetorik ist leider eine Kunst, die immer seltener wird. Die Reden werden polemisch, mit Schlagwörtern gespiekt und agressiv. Und ist das Kunstwerk Rede nicht in jedem System relevant?
      Liebe Grüße und einen schönen Karfreitag von Susanne

      1. Da hast du recht, liebe Susanne, dem stimme ich zu. Ich persönlich empfinde zum Beispiel auch eine Rose als ein Kunstwerk. Ein bewundernswertes Kunstwerk der unfassbar vielfältigen Natur. Insofern könnte man auch z.B. die Natur, bzw. sogar die ganze Erde als „systemrelevant“ bezeichnen. Aber schützen wir sie, wenn wir sie denn als „systemrelevant“ bezeichnen wollen, auch genug?
        Wie gesagt, liebe Susanne, mit dem Wort „systemrelevant“ komme ich nicht so ganz klar.
        Sonnige Grüße an dich….von Rosie

  3. Systemrelevant ist kein gut gewählter Begriff. Relevant ist jeder Einzelne, der für das Gesamte versucht etwas Gutes beizutragen. Also stellt sich die Frage für mich nicht. Künstler, die Menschen mit ihrer Kreativität bereichern, fördern und fordern sind natürlich relevant.

    1. Ja, Birgit, System ist sehr schwer zu definieren.
      Ich habe nochmal bei Wikipedia geschaut, was dort genau unter System steht:
      „Als System (altgriechisch sýstēma „aus mehreren Einzelteilen zusammengesetztes Ganzes“) wird im Allgemeinen ein abgrenzbares, natürliches oder künstliches „Gebilde“ bezeichnet, das aus verschiedenen Komponenten mit unterschiedlichen Eigenschaften besteht, die aufgrund bestimmter geordneter Beziehungen untereinander als gemeinsames Ganzes betrachtet werden (können). “ aufgerufen am 2.4.21 um 12:30 Uhr
      Für mich ist die kleinste Einheit eines Systems eine Familie auch ohne Kinder.
      Wie verstehst du ein System, Birgit?
      Liebe Grüße und einen schönen Karfreitag von Susanne

      1. Liebe Susanne!
        Eine Gesamtheit, eine Ordnung , eine Gruppe, eine Funktion?
        Aber wer sagt, wer definiert was in dieser Zeit relevant (sprich wichtig) sein mag? Vielleicht ist dies nur individuell zu beurteilen?
        Systemrelevant scheint in Bezug auf eine Pandemie zunächst eine Gruppe von Menschen zu sein, die das Gerüst, das nötige System am Laufen halten können und müssen. Ohne Gesundheit funktioniert wohl kein System gut. Für die geistige Nahrung, damit die Gesellschaft nicht geistig und psychisch erkrankt ist die Kunst, die Kultur relevant.
        Liebe Grüße aus dem sonnigen Ulm
        Birgit

  4. Liebe Susanne, ein interessanter Artikel und ein sehr schönes Foto von Dir. Ich bin davon überzeugt, dass Künstler und Kulturschaffende relevant sind – aber von welchem System ist da immer die Rede? Für das System BRD scheinen Kunst & Kultur wenig relevant, sonst hätte und würde man sich mehr darum kümmern. Deine Werkschau werde ich in den nächsten Tagen bestellen – reservierst Du mir bitte ein Exemplar? Viele Größe und schöne Ostertage wünscht Carsten.

    1. Lieber Carsten,
      ich habe gerade schon im Kommentar von Birgit auf die Frage zum System geantwortet. Kein leichter Begriff. Wie verstehst du den Begriff System?
      Ich bin deiner Meinung, dass in der BRD Kunst & Kultur auch schon vor Corona nicht groß geschätzt wird. In der Schule fällt als erstes Kunst und Musik aus, wenn Lehrermangel (Krankheit oder ähnliches). Wie soll die Kunst geschätzt werden, wenn schon in der Schule den Kindern beigebracht wird, dass sie entbehrlich ist?
      Du brauchst die Werkschau nicht extra bestellen, ich sende sie dir mit Rechnung zu. Ich bin gespannt, was du zur Werkschau sagst. 🙂 Möchtest du eine persönliche Widmung?
      Dir auch schöne Ostertage von Susanne

      1. Super, Susanne – und natürlich: ja!!! Sehr gerne mit Widmung! Über den Begriff System könnte man stundenlang diskutieren. Die Definition in Deinem Kommentar trifft selbstverständlich zu. In der Form wie er in „Systemrelevanz“ derzeit verwendet wird, handelt es sich m.M.n. aber eher um ein Synonym für Gesellschaft oder den Staat, in dem wir leben. Und ich gebe Dir absolut recht, was Kunst & Kultur in Deutschland betrifft: sie scheinen politisch verzichtbar und wenn man sich anschaut, welche Gurken und Pfeifen in der Regel die Posten der Kultusministerien besetzen, wird einem schnell klar, dass es sich um Alibi-Ministerien und Politik handelt. Schöne Ostertage und liebe Grüße – Carsten

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