Susanne Haun

Klassenfoto – Collage von Susanne Haun

Posted in Collage, Das offene Kunstwerk, Kunstgeschichte, Zeichnung by Susanne Haun on 15. August 2014

Ich arbeite in meinen Collagen mit Wirklichkeitsebenen. Jede Collage arbeitet damit. Jedes Foto bildet ein Stück Realität einer vergangenen, vergessenen Zeit ab.

Ich als Künstler erzeuge Brüche, Themen- und Zeitbrüche. Ich setze Zeitfragmente zusammen, ergänze sie selber auch wieder in verschiedenen Zeiten. Ich habe einige Collagen, die ich im Laufe der letzten zwei Jahre erstellt habe, erneut bearbeitet. Dabei entstehen neue Zeitebenen.

Im Kapitel „Die Montage der Wirklichkeit in der Kunst“ von Winfried Nerdinger werden genau diese Aspekte auf einen Punkt gebracht. Als Beispiel führt Nerdinger die Collagen Picassos und Braques an:

Fotoschnipsel (c) Foto von Susanne Haun

Fotoschnipsel (c) Foto von Susanne Haun

„Zwar sind Picassos und Braques kubistische Collagebilder nach den Gesetzen der Komposition in sich ausgewogene Werkeinheiten, bilden wieder einen eigenen Bildkosmos, aber die eingeklebten Wirklichkeitspartikel sprengen diese Werkeinheit immer wieder auf; denn bei aller kompositorischen Einbindung bleibt etwa der Zeitungsfetzen immer ein Stück Realität, das nicht vom Künstler überformt wurde. Somit ist eine Werkeinheit geschaffen, aber diese ist in sich aus Brüchen aufgebaut – die einzelnen Fragmente stehen immer auch für sich, als Träger eigener Bedeutungszusammenhänge; die Kontinuität der Bildaussage ist zerbrochen. Das Kunstwerk wird dadurch „offen”, es nimmt Bruchstücke aus der Wirklichkeit auf, die nicht schon vorab vom Künstler im Hinblick auf die Werkeinheit fixiert sind, sondern die von den verschiedenen Betrachtern immer unterschiedlich mit Realität und Bedeutung angefüllt werden können und die Kunstwerk, Betrachter und Realität miteinander verklammern.“

Nerdinger verweist auch auf den Schriftsteller Lois Aragon, der „auf einen weiteren Aspekt der Montage, dass nämlich durch die Gegenüberstellung von verschiedenen Wirklichkeitsbereichen auch verschiedene Wirklichkeitsebenen abgebildet werden können. Zwischen zwei Abbildungen die aus zwei real existierenden aber räumlich und zeitlich getrennten Welten herausgerissen werden, klafft ein Loch; in diesem Auseinanderklaffen kann nicht nur eine tiefer liegende Wirklichkeit rational erfasst werden, es wird auch ein Zugang zur Ebene des Unbewussten, des Traums ermöglicht.“

Blatt 31 – Klassenfoto (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 31 – Klassenfoto (c) Collage von Susanne Haun

Auf einem Klassenfoto sehe ich mehrere Personen. Ich kenne niemanden. Ich kann mir nun Geschichten zu diesen Personen ausdenken, ich klebe sie auf den Kopf, Füßen und auch seitwärts. Beim Schreiben des Blogs merke ich, dass ich dem Bild ein neues Oben geben möchte. Ich drehe es und so ist es jetzt.

Blatt 27 Zum Menschen zurück finden (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 27 Zum Menschen zurück finden (c) Collage von Susanne Haun

Meine Collage vom 16.4.13 „Zum Menschen zurück finden“ (siehe hier), bearbeitete ich am 8.8.14 erneut. Nicht nur die Zeitebenen der beiden unterschiedlichen Fotos sind nun in der Collage enthalten, ich habe auch zwei Zeitebenen der Bearbeitung gebildet.

Das offene Kunstwerk und fünf Iris – Teil 2 – Zeichnungen von Susanne Haun

Bei jeder Rezeption eines Kunstwerks ist immer ein subjektiver Anteil im Spiel.

Seit dem modernen (bedeutungsoffenen) Kunstwerk existiert eine Freiheit in der Interpretation. Es geht nicht um die Anzahl der möglichen Interpretationen sondern es geht um die qualitative Interpretation, die ein ganzes Weltbild sein kann.

Irisknospen 48 x 40 cm (c) Zeichnung von Susanne Haun

Irisknospen 48 x 40 cm (c) Zeichnung von Susanne Haun

Im Barock beginnt der Mensch sich in der Kunst dem Kanonischen (kirchlichen Bedeutung/ bestimmte ikonologische Vorgaben) zu entziehen. Im 19. Jahrhundert entstand der Symbolismus, in der Literatur sollte jedes einzelne Wort eine „Aura des Unbestimmten“³ enthalten. Als Beispiel kann hier Kafka und Joyce genannt werden.

Moderne Kunst hat laut Eco eines gemeinsam, sie soll einen endlichen Kosmos so vorstellen, dass er in seinen Deutungsmöglichkeiten unbegrenzt ist. Es gibt jedoch auch „Werke in Bewegung“³ die keine verschiedenen Interpretationen benötigen, um immer neue Ansichten zu generieren, z. B. Alexander Calders „Mobiles“.

Irisknospen 48 x 40 cm (c) Zeichnung von Susanne Haun

Irisknospen 48 x 40 cm (c) Zeichnung von Susanne Haun

Laut Adorno ist das moderne Kunstwerk von seinem „Rätselcharakter“ bestimmt. „Kunstwerke sind Dinge, schreibt Adorno, „von den wir nicht wissen, was sie sind“.“²

Auch wenn der Rahmen zwischen Kunst und Nichtkunst oft Gegenstand der Auseinandersetzung zwischen Künstler und Betrachter ist, bewegt sich der Betrachter/Interpret in einem vom Künstler gewollten Interpretationsspielraum.

Wichtig ist, dass der Betrachter sich auf die Kunst einlässt, sich mit ihr vertraut macht, dann fördert die Fremdheit der Kunst eine intime Auseinandersetzung mit ihr.

Entgegen diesen Ausführungen betrachten moderne Ästhetiken das „Kunstwerk als Träger von Wahrheit“.² Um hierzu klare Gedanken fassen zu können, müssen wir uns mit der Ästhetik (der sinnlichen Wahrnehmung) von Kunst und Kunsttheorien beschäftigen. An der Uni wird dazu mehr als ein Seminar angeboten.

Irisknospen 48 x 40 cm (c) Zeichnung von Susanne Haun

Irisknospen 48 x 40 cm (c) Zeichnung von Susanne Haun

Nachdem ich gestern die Iris klar erkennbar in vielen Einzelheiten gezeichnet habe, habe ich von meinem Wissen um die Iris profitiert und mit weichen, reinen Pastellfarben in Ultramarin, Grün und Ocker in der Größe 48 x 40 cm Irisknospen gezeichnet. Ich habe die Pastellpigmente nicht mit Fixierspray gebunden, teilweise liegen sie noch krümmlig auf dem Papier.

Sind diese Bilder offenen dem Betrachter gegenüber?

Welche Interpretationsmöglichkeiten erhält der Betrachter aus dieser Serie und wie kann er sie mit einem Weltbild zusammenbringen?

_________________________

Quelle: ²Rebentisch, Juliane. Theorien der Gegenwartskunst, Hamburg 2013.
³Eco, Umberto. “Die Poetik des offenen Kunstwerks”, Berlin 1977.

Das offene Kunstwerk und zwei Iris – Teil 1 – Zeichnungen von Susanne Haun

Beim Studium der Kunstgeschichte bin ich ständig neuen Inspirationen ausgesetzt. So wie ich es mir gewünscht habe.

Dieses Semester trete ich trotz aller Inspiration etwas ruhiger, um mehr Zeit zum Zeichnen zu haben, mich auf die Ausstellung in Grimma vorzubereiten (siehe hier) und um mein viertes Buch im Edition Fischer Verlag zu schreiben. Das vierte Buch handelt von Mischtechniken aus Pastell, Kohle, Acryl, Aquarell und Collage. Es hört sich beim Lesen wie ein Kessel Buntes an, der Leitfaden wird aber das Pastell sein.

Iris Version 1 (c) Zeichnung von Susanne Haun

Iris Version 1 (c) Zeichnung von Susanne Haun

Zwei meiner Arbeiten für das neue Pastell – Buch sind aus meinen spanischen Eindrücken in Barcelona entstanden. Erholsamerweise habe ich gezeichnet, was ich sehe: Iris! Ich habe sie nicht an einem Tag gearbeitet sondern mit Ruhe und Besinnlichkeit die Linien gesetzt.

Nachdem ich mir die drei Ergebnisse angeschaut habe, wollte ich freier arbeiten, mich von der Vorlage lösen. Ich bin mit meiner Arbeit und meinen Gedanken dazu noch nicht fertig, ich werde dann berichten. Sicher hängt dieser Drang nach Freiheit mit meiner Auseinadersetzung mit dem Begriff des „offenen Kunstwerks“ zusammen.

Iris Version 2 (c) Zeichnung von Susanne Haun

Iris Version 2 (c) Zeichnung von Susanne Haun

Ein offenes Kunstwerk wird erst durch sein Interpretiertwerden ins Werk gesetzt. Geschlossene Werke geben dem Betrachter eine Lesart vor. Die Iris wird eine Iris bleiben und bietet nur wenig Interpretationsraum. Sicher, sie können aus vielen Perspektiven gesehen werden, doch sie bleiben immer eine Iris.

Iris Version 3 mit Pastell (c) Zeichnung von Susanne Haun

Iris Version 3 mit Pastell (c) Zeichnung von Susanne Haun

Wie erreicht der Künstler eine Bedeutungsoffenheit?
Er kann sein Werk zum Beispiel konkret unvollendet lassen oder konzipiert es im Sinn einer generellen Bedeutungsoffenheit. Damit benötigt das Werk nicht nur den Künstler sondern auch „fortgesetze Akte kongenialer Interpretation“. Umberto Eco setzt sich in seinem Text „Die Poetik des offenen Kunstwerks“ mit dem Thema auseinander. Laut Eco gilt für geschlossenes wie offenes Werk: „Jedes Kunstwerk, ob formal geschlossen oder nicht, fordert“ eine freie schöpferische Antwort“.“

Ich beschäftige mich weiter mit dem offenen Kunstwerk, es ist längst noch nicht alles gesagt und die Iris ist längst noch nicht in allen Aspekten von mir wiedergegeben.

_________________________

Quelle: Rebentisch, Juliane. Theorien der Gegenwartskunst, Hamburg 2013.

%d Bloggern gefällt das: