Leinwand · Zeichnung

Perspektivwechsel – Dantes Barke des Vergessens – Leinwand von Susanne Haun

Vorigen Mittwoch diskutierte ich den aktuellen Stand meiner Leinwand Dantes Barke des Vergessens mit Nina Alice Schuchardt.

Zwischenergebnis - Dantes Barke des Vergessens (c) Zeichnung von Susanne Haun
Zwischenergebnis – Dantes Barke des Vergessens (c) Zeichnung von Susanne Haun

 

Sie war in meinem Atelier, um sich einige meiner Zeichnungen für die von ihr kuratierten Gruppenausstellung RaumZeitBegegnung in der Roddahner Kirche auszusuchen. Ich werde morgen mehr davon berichten, heute geht es um die Barke.

Nina sprach vom Perspektivwechsel, den meine Mutter durch ihre Krankheit erlebt und drehte die Leinwand einfach um 90 Grad und fragte mich, ob diese Ansicht nicht eher der teuflischen Krankheit meiner Mutter entspräche.

 

Zwischenergebnis - Dantes Barke des Vergessens (c) Zeichnung von Susanne Haun
Zwischenergebnis – Dantes Barke des Vergessens (c) Zeichnung von Susanne Haun

 

Ich zeichnete genau in dieser von Nina gewählten Perspektive weiter. Durch meine eigene Krankheit leide ich an Gleichgewichts- und Koordinierungsproblemen, sowie mein linkes Gesichtsfeld ist ausgefallen. Seit 2008 kann ich so nicht mehr an der Leinwand stehen. Was man nicht braucht, das verkauft oder verschenkt man. Ich jedenfalls mache das so und habe meine 5 Staffelein schon vor langer Zeit in die Welt geschickt. In meinem jetzigen Atelier ist folglich kein Platz für eine Staffelei eingeplant. Aber diese Leinwand musste ich im stehen vervollständigen. Als Lösung stellte ich sie auf meiner Druckpresse und es klappte, nicht lange, aber es klappte.

 

Was ist für euch die „richtige“ Perspektive für diese Zeichnung?

 

Leinwand · Zeichnung

Dantes Barke des Vergessens – Leinwand von Susanne Haun

Manchmal mischen sich Inspirationen, so auch Dantes Barke mit dem Vergessen.
Daraus entsteht „Dantes Barke des Vergessens“. Das Motiv arbeitet sich sehr langsam aus der Leinwand heraus.

Ausschnitt Dantes Barke des Vergessens (c) Zeichnung auf Leinwand 80 x 100 cm
Ausschnitt Dantes Barke des Vergessens (c) Zeichnung auf Leinwand 80 x 100 cm

 

Inge Jens neues Buch „Langsames Entschwinden“ beschreibt die Krankheitsgeschichte von Jens Mann Walter.  Walter Jens litt an einer besonderen Art der Alzheimer Krankheit und als enge Familienangehörige einer Betroffenen fand ich gute Hinweise und Bekanntes in dem in Briefen erzählten Bericht von Inge Jens. Auch für nicht Betroffene ist das Buch sehr empfehlenswert. Besonders bewegend fand ich die Überlegungen, wann der Zeitpunkt im Leben eines Alzheimer Kranken überschritten ist², sich selbst zu töten. Wie geht der Angehörige mit dem Wunsch des Kranken, den Tod zu wollen, um. Alzheimer ist nicht vergleichbar mit Krebs. Der Kranke kann ab einem bestimmten Zeitpunkt keine Entscheidung mehr treffen, wir wissen nicht, was dann für Gedanken und Gefühle oder Schmerzen im Kopf des Kranken sind.

Für mich hat Frau Jens in Bezug auf dieses Problem eine sehr gute und auch sehr mutige Entscheidung getroffen:

„Es geschieht nichts, was dies Leben künstlich verlängern könnte, aber es zu verkürzen, steht uns dennoch nicht zu.“ Inge Jens³

Das bedeutet u.a., zu entscheiden, ob ein Mensch künstlich beatmen werden sollte oder nicht. Gut ist es, wenn die Angehörigen diese wichtigen Fakten im gesunden Zustand besprechen. Ich besitze eine Vorsorgevollmacht.

Ich wollte den Zustand der Isolation eines Alzheimerpatienten darstellen und Ihr/sein Weg in ein neues psyschiches Land. Ihr/sein Weg in ein Land, was wir nicht kennen, denn die Patienten sind in keinem Zustand, davon zu berichten. Gleich Dante auf seinem Weg durch die Höllenkreise wissen wir nicht wohin es geht!

Die Arbeit an der Leinwand läuft mir nicht leicht von der Hand, zäh fliesst die Tinte aus der Feder. Heute zeige ich einen Zwischenstand, den ich von meinem Arbeitsplatz aus betrachte und abwechselnd im Geist weiterentwickle um wieder zur Feder zu greifen und tatsächlich zu zeichnen.

 

__________________

²Jens, Inge. Langsames Entschwinden, Hamburg 2016. S. 60.
³ ebd., S. 110.