Susanne Haun

Morbider Charme: Videokunst im Krematorium Wedding

Posted in Ausstellungstip by Susanne Haun on 9. Juni 2018

 

Dieser Artikel erschien zuerst im Weddingweiser (siehe hier).

 

Galerie Ebensperger, Eingang Platanenstraße 30, Foto: S. Haun

Galerie Ebensperger, Eingang Platanenstraße 30, Foto: S. Haun

 

Videokunst ist derzeit in der Galerie im Krematorium Wedding zu sehen. Bis zum 30. Juni können in der Galerie Ebensperger im

Krematorium Wedding Arbeiten vom Berliner Filmemacher Romuald Karmakar gesehen werden. Ein Blick in die Ausstellung.

 

 

 

 

Choräle in der Aussegnungshalle

Das Werk „Byzantion“ von 2017, ein 14-minütiges Digitalvideo, das Karmakar schon in Kassel auf der documenta 14 zeigte, füllt mit seinen Gesängen den gesamten oberen Ausstellungsbereich. Mussten Besucherinnen und Besucher in Kassel im Westpavillion der Orangerie teilweise lange Wartezeiten in Kauf nehmen, um in den Genuss des Filmes zu kommen, kann man nun in Ruhe in der ehemaligen Aussegnungshalle im Wedding die dargebotenen Choräle genießen.

 

 

Eine Szene aus dem Video „Byzantion“. Es hatte bei der Dokumenta in der Kassel 2017 Premiere. © Pantera Film

Eine Szene aus dem Video „Byzantion“. Es hatte bei der Dokumenta in der Kassel 2017 Premiere. © Pantera Film

Insgesamt umfasst die Galerie im Krematorium eine Fläche von 1000 Quadratmeter. Diese besondere Ausstellungsfläche steht unter Denkmalschutz und passt hervorragend zu den choralen Gesängen des Films. Die Drehorte werden im Film gezeigt, es handelt sich um die Kirchen “Ieros Naos Analipseos tou Kyriou” in Athen, Griechenland und die Kirche “St. Vladimir” in Island.

 

 

 

 

In den Kellerräumen sind weitere Werke zu sehen. Sechs Fernbedienungen braucht es, um alle Videos in Gang zu setzen und eine halbe Stunde vor Öffnung der Ausstellungen müssen alle Geräte eingeschaltet werden, um den Besucherinnen und Besuchern die Videos zu präsentieren.

 

Ausstellungsbereich unter der Aussegnungshalle (c) Galerie Ebensperger

Ausstellungsbereich unter der Aussegnungshalle (c) Galerie Ebensperger

 

Kunst in der Herrentoilette

 

Installation in der Herrentoilette. © Ludger Paffrath, Courtesy Ebensperger Berlin/Salzburg

Installation in der Herrentoilette. © Ludger Paffrath, Courtesy Ebensperger Berlin/Salzburg

Selbst die Herrentoilette wird als Ausstellungsfläche genutzt. Über dem Waschbecken, wo eigentlich der Spiegel erwartet wird, zeigt ein Flachbildschirm „Das Himmler-Projekt – Manfred Zapatka und die Rede Heinrich Himmlers bei der SS-Gruppenführertagung in Posen am 4. Oktober 1943“. Karmakar schuf das Werk im Jahr 2000, es ist 182 Minuten lang. Der Film erhielt den Adolf-Grimme-Preis Spezial (2002), den 3sat-Dokumentarfilmpreis (2000) und wurde 2008 vom Museum of Modern Art in New York in die Liste der 250 wichtigsten Anschaffungen des Museums seit 1980 aufgenommen.

Ich persönlich wollte keine drei Stunden auf der Herrentoilette ausharren, gleichwohl mich der Ausstellungsort sehr beeindruckte. Durch das sakrale Fenster mit gelbem Glas fällt auf das erste Urinal ein Lichtschein, der im starken Kontrast zu den unverputzten Mauersteinen steht.

 

 

 

Zwei Eingänge führen in die Ausstellung

 

Galerie Ebensperger, Eingang vom Silent Green aus, Foto: S. Haun

Galerie Ebensperger, Eingang vom Silent Green aus, Foto: S. Haun

Von der Platanenstraße 30 (gegenüber der Platanenstraße 10) führt eine Tür in die Galerie Ebensperger. Wir mussten schon etwas suchen, bis wir die Tür fanden und uns klar wurde, dass erst eine Klingel den Eintritt ermöglicht. Hier sollte die Besucherin, der Besucher keine Hemmungen haben, es lohnt sich, zu klingeln und einzutreten. Der Zugang über das Silent Green ist ebenfalls möglich, hierzu einfach am Café Mars vorbei geradezu gehen.

Leider gibt es von der derzeitigen  Ausstellungssituation Karmakars  in der Aussegnungshalle noch keine vom Künstler abgesegneten Fotos, weswegen wir hier Fotos der Lokation von vergangenen Ausstellungen zeigen.

 

Galerie Ebensperger im Krematorium Wedding, Plantagenstraße 30, Freitag 12–18 Uhr und Samstag/Sonntag 11–17 Uhr geöffnet, aktuelle Ausstellung bis 30. Juni

 

Silent Green – das ehemalige Krematorium Wedding – Susanne Haun

Posted in Architektur, Berlin, Foto by Susanne Haun on 14. September 2016

Es mutet ein wenig markaber an:

Am Sonntag besuchten wir zum Tag des offenen Denkmals eine Führung durch das ehemalige Krematorium Wedding. Wir waren schon öfter auf dem Gelände und haben neugierig die Veränderungen durch den neuen Besitzer silent green (siehe hier) an diesem für mich so vertrauten Anblick beobachtet. Das Krematorium liegt 10 Minuten von meinem Geburtsort und jetzigem Atelier entfernt. Ich bin sehr neugierig auf die neue geplante Ausstellungsfläche für bewegte Bilder. So etwas hat Berlin noch nicht und selten wird Video- oder Filmkunst alleinig gezeigt. Die von 1993 – 1996 erbaute unterirdische Parentationshalle wird zu einer riesigen Ausstellungsfläche umgebaut, ideal für bewegte Bilder.

 

1 Ehemaliges Krematorium Wedding - silent green Kulturquartier (c) Foto von Susanne Haun

Ehemaliges Krematorium Wedding – silent green Kulturquartier (c) Foto von Susanne Haun

 

Die Grundfläche des ehemaligen Krematoriums sieht ein wenig aus wie die Enterprise, die Gebäude sind der Funktion eines Krematoriums untergeordnet. Die Führung hat uns ausgesprochen gut gefallen, wie am Samstag bei ExRotaprint (siehe hier) hat ein Gebäude aus der Nachbarschaft neues Leben erhalten.

Mit Karl dem Großen und seinem Edikt von Paderborn 785 n. Chr. wurde die Verbrennung von Toten als heidnischer Brauch bei Todesstrafe verboten und erst 1878 wurde die Feuerbestattung beginnend im Herzogtum Sachsen-Coborg-Gotha wieder zulässig. Gegen den Widerstand der Kirche setzte sich diese Art der Bestattung durch.

 

3 Ehemaliges Krematorium Wedding - silent green Kulturquartier (c) Foto von M.Fanke

Ehemaliges Krematorium Wedding – silent green Kulturquartier (c) Foto von M.Fanke

 

Der Friedhof in Wedding wurde der Armenfriedhof genannt. Hier entstand 1874 das erste Krematorium Preußens. William Müller entwarf das Gebäude, das zwischen Historismus und moderne vermittelt. Der Bauschmuck ist frei von christlicher Symbolik. Die Trauerhalle besitzt einen achteckigen Grundriss und bot Platz für 400 Urnennischen.

1982 wurde es nochmals für ca. 20 Millionen DM saniert, um dann nach 6 Jahren, 2002, schon wieder geschlossen zu werdne, da in Treptow-Köpenick 1999 ein neues Krematorium eröffnet wurde und der Senat beschloss, das Krematorium Wedding trotz guter Funktion und Beliebtheit aufgrund des ästhetischen würdevollen Bauwerks zu schliessen.

Nach 10 Jahren 2013 wurde der Ort neu belegt, das silent green Kulturquartier erwarb das Gelände. Heute finden dort viele Veranstaltungen statt, es wird Kunst gezeigt und Musikfreunde können in der alten Kuppelhalle Konzerten lauschen.

Ich möchte mich bei Jörg Heitmann bedanken, der die Führung unterhaltsam und informativ gestaltete.

 

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Quelle:
silent green Kulturquartier GmbH, Vom Krematorium zum Kulturquartier, 2016, http://www.silent-green.net

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