Susanne Haun

Die Zukunft ist leer – 2014 – Collage von Susanne Haun

Posted in Collage, Zeichnung by Susanne Haun on 20. August 2014

Die Zukunft ist leer.

Ich erarbeitete den ersten Zustand dieser Collage schon Ende 2012. Das ist nun fast zwei Jahre her.
In dem Moment, wo ich sie im Heute betrachtete, waren die Aussage und die Collage nicht mehr kompatibel.
2012 hatte ich folgende Gedanken zur Collage, ich war sehr beeinflusst von Flaubert und Bachtin:

 Blatt 11 Zustand von 2012 - Die Zukunft ist leer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 11 Zustand von 2012 – Die Zukunft ist leer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

„Nochmals die Gedanken von Michail Bachtin zur Zeit und zur Madame Bovary von Flaubert:
Bachtin spricht davon, dass sich die Zeit in Provinzstädten in Kreisen bewegt, der Kreis kann Stunde, Tag, Monat oder ein ganzes Leben beinhalten, es sind zyklische Alltagszeiten. Die Menschen essen, trinken, schlafen sie leben oder erleben normale, gewöhnliche zyklische Alltagszeit. Bachtin beschreibt diese Zeit als “zähe, klebrige Alltagszeit” weswegen sie in einem Roman immer nur eine Nebenzeit sein kann. Sie kontrastiert zur eigentlichen aufregenden Zeit der Geschichte.²“

Ich hatte bei der neuerlichen Bearbeitung weder Flaubert noch Bachtin im Kopf.
Interessant finde ich, dass der Zustand in der Vergangenheit leer ist und in der Zukunft voll, hier ist der jetzige Zustand der Collage, nachdem ich sie bearbeitet habe:

Blatt 11 Die Zukunft ist leer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 11 Die Zukunft ist leer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

 

 

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²Bachtin, Michail, Formen der Zeit im Roman, Frankfurt am Main, 1985 [1975]
³Flaubert, Gustave. Madame Bovary. Gelesen von Sophie Rois. Paris 1856. [Berlin 2007]².

Die Zukunft ist leer – Collage von Susanne Haun

Posted in Betrachtungen zur Kunst, Collage, Zeichnung by Susanne Haun on 28. Dezember 2012

Im vergangenen Monat fand ich zwei weggeworfene Fotoalben im Papiermüll und habe damit begonnen, die Fotos zu Collagen verarbeitet.

Dabei steht für mich das Thema „Zeit“ im Vordergrund.
Wie erleben wir das Vergehen der Zeit?
Kann ich es in den Collagen verdeutlichen?
Welche Mittel benutze ich dazu?

Blatt 12 Leihphoto 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 12 Leihphoto 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Zum Heute gehört auch immer das Gestern.

Der Jahreswechsel steht bevor und ich nehme die beiden Fotoalben und das Projekt mit in das Neue Jahr 2013.

Nachmals die Gedanken von Michail Bachtin zur Zeit und zur Madame Bovary von Flaubert:
Bachtin spricht davon, dass sich die Zeit in Provinzstädten in Kreisen bewegt, der Kreis kann Stunde, Tag, Monat oder ein ganzes Leben beinhalten, es sind zyklische Alltagszeiten. Die Menschen essen, trinken, schlafen sie leben oder erleben normale, gewöhnliche zyklische Alltagszeit. Bachtin beschreibt diese Zeit als “zähe, klebrige Alltagszeit” weswegen sie in einem Roman immer nur eine Nebenzeit sein kann. Sie kontrastiert zur eigentlichen aufregenden Zeit der Geschichte.²

Ich finde es erstaunlich, wie zeitlos und aktuell heute noch die Madame Bovary ist. Ich habe sie mir extra als Hörbuch, gelesen von Sophie Rois aus der Bücherei ausgeliehen. Ich habe sie zwar schon einmal gelesen aber aufgrund des Projekts höre ich sie nochmals quer!³

Querhören bedeutet für mich, ich lasse Kapitel aus, die ich noch gut im Kopf habe und wenn ich mit den Gedanken abschweife und nicht zuhöre, gehe ich die Kapitel nicht noch einmal zurück.

Blatt 13 Theater 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 13 Theater 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Manchmal möchte ich sie ja schütteln, die Madame Bovary und sie fragen, ob sie „noch alle Tassen im Schrank“ hat. Dieses Phänomen hatte ich bei der ersten Lektüre nicht. Ich denke, mit jedem Alter liest man die Madame Bovary anders. Und heute hat eine Frau dann doch andere Möglichkeiten als damals; sie definiert sich nicht durch einen Mann. Das Buch wurde angeklagt und zuerst zensiert, weil es angeblich gegen die Guten Sitten verstieß und Ehebruch verherrlichte.

In den zu diesem Artikel gezeigten Collagen bearbeitete ich die Themen Auto, Freundschaft und Fasching.

Hier könnt ihr meine Beiträge zu den Collagen gesamt betrachten.

Blatt 11 Die Zukunft ist leer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 11 Die Zukunft ist leer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

 

For my English-speaking readers:
Last month I found two discarded photo albums in paper waste and started to process the photos into collages.
My focus is in the foreground the theme of „time“.

As we experience the elapse of the time?
Can I explain it in the collages?
What resources do I use it?

Today belongs to yesterday.
The new year is coming up and I’ll take the two photo albums and the project in the new year 2013.

 

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²Bachtin, Michail, Formen der Zeit im Roman, Frankfurt am Main, 1985 [1975]
³Flaubert, Gustave. Madame Bovary. Gelesen von Sophie Rois. Paris 1856. [Berlin 2007]².
http://www.literaturwissenschaft-online.uni-kiel.de

Ein Provinsstädtchen und die Zeit – Collagen von Susanne Haun

Posted in Betrachtungen zur Kunst, Collage, Kunstgeschichte, Zeichnung by Susanne Haun on 28. November 2012

Ich freue mich immer, wenn sich meine Projekte berühren.  

So spricht Michail Bachtin in seinem Buch „Formen der Zeit im Roman“ von Flauberts „Madame Bouvary“.

Er geht auf den Ort der Handlung des Provinsstädtchens in „Madame Bouvary“ ein.

Blatt 8 Am Meer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 8 Am Meer 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Bachtin spricht davon, dass sich die Zeit in Provinzstädten in Kreisen bewegt, der Kreis kann Stunde, Tag, Monat oder ein ganzes Leben beinhalten, es sind zyklische Alltagszeiten. Die Menschen essen, trinken, schlafen sie leben oder erleben normale, gewöhnliche zyklische Alltagszeit. Bachtin beschreibt diese Zeit als „zähe, klebrige Alltagszeit“ weswegen sie in einem Roman immer nur eine Nebenzeit sein kann. Sie kontrastiert zur eigentlichen aufregenden Zeit der Geschichte.

„Städtchen dieser Art sind Stätten der zyklischen Alltagszeit. Hier gibt es keine Ereignisse, sondern nur sich wiederholende Begebenheiten.“² Micahil Bachtin

Es sind mir gleich einige Autoren in den Sinn gekommen, die als Nebenzeit ein Provinzstädtchen bevorzugen wie z.B. John Irving oder Rita Mae Brown. Könnt ihr mir einen deutschen Autor nennen, der seine Handlung in kleinen Dörfern spielen lässt?

Blatt 9 Haustier in der Stadt 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 9 Haustier in der Stadt 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Im Laufe der letzten Woche sind neue Collagen aus dem alten Fotoalbum entstanden. Ich sehe auf den Fotos die sich wiederholenden Zyklen, von denen Bachtin spricht. Die Fotos mit der Unbekannten am Strand, auf der Parkbank oder bei der Arbeit. Diese Art von Fotos finden sich in jedem Fotoalbum. Meine Oma steht als junge Frau mit einem großen Hund vor einer Statue in Berlin, meine Mutter steht auf einem Foto in der Schallplattenabteilung des Kaufhauses Bilka, ich stehe in meinem Atelier. Die Zeit ist zyklisch, was macht jedes einzelne Foto besonders?

Hier könnt ihr meine Beiträge zu den Collagen gesamt betrachten.

Blatt 10 War sie Schneiderin 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 10 War sie Schneiderin 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

For my English-speaking readers:
I’m always happy when my projects touch themselve.

Michail Bachtin speaks in his book „Forms of time in the novel“ from Flaubert’s „Madame Bouvary“.
He goes to the place of action  in „Madame Bouvary“, the little country town.
Bachtin said that time is moving in country towns in circles, the circle may include hour, day, month, or a lifetime, there are cyclical periods everyday. People drink, eat, they sleep or live experience normal, ordinary cyclical everyday time. Bachtin describes this time as „viscous, sticky day time“ in a novel, which is why they can only ever be a next time. It contrasts to the real exciting time in history.

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²Bachtin, Michail, Formen der Zeit im Roman, Frankfurt am Main, 1985 [1975]

Mit der Zeit spielen – Collagen Zeichnungen von Susanne Haun

Posted in Betrachtungen zur Kunst, Collage, Kunstgeschichte, Zeichnung by Susanne Haun on 24. November 2012

Gestern habe ich eines der großen Porträtfotos aus meinem gefundenen Fotoalbum zerrissen. Das Foto selber war so dominant, dass ich es nur in Einzelteilen zu etwas Neuem zusammenfügen konnte.

Blatt 4 Der Turm 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 4 Der Turm 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

In einem meiner Seminare an der FU sprachen wir über Michail Bachtins Chronotopos. Bachtin war ein russischer Literaturwissenschaftler und Kunsttheoretiker. Ich frage mich ob es etwas wie Schicksal gibt, dass ich die Vergangenheit finde, in der Gegenwart bearbeite und dazu auch noch Schriften von Bachtin zu lesen bekomme.

Chrono ist die Zeit und Topos der Raum daraus folgt die Raumzeit oder Formen der Zeit.

In meinen Collagen lege ich zur Zeit zwei Zeitstränge übereinander. Da ist die Zeit der Frau X., die ich nicht kenne, aber in der ich jeder Frau aus dem Mietkomplex des Fundortes Mülltonne sehe. Dann ist die Zeit der Frau H., meiner selber, in der ich die Arbeiten erstelle. Die Fotos entstanden lt. Beschriftung in den 1960ziger Jahre, ich bearbeite sie 2012.

Das Buch „Formen der Zeit“ ist für mich eine einzige Inspiration. Ich mag die Vielseitigkeit des Zeit Begriffs. Die Zeit ist wie eine Straße, Alltagszeit, nichtzyklische Zeitreihen, Nebenzeit, Wendepunkt, das sind viele Zeitebenen, über die ich nachdenken kann und die ich in meinen Collagen einbringen kann. Ich habe  eine kleine spontane erste Zeitübersicht für meine Arbeit erstellt.

Trotz der verschiedenen Zeitebenen haben sich die Aktivitäten nicht geändert. Frau X. ging in den Zoo, lachte, schwamm, stand vor dem Schloss Charlottenburg so wie Frau H. das auch macht, eben nur 50 Jahre später.

Blatt 6 ZerissenBlatt 5 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 6 ZerissenBlatt 5 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Der Wendepunkt ist an der Stelle, wo Frau H. das Album aus dem Müll herauszieht und betrachtet. Frau X. ist nun vom Zeitstrang entfernt. Frau R. gibt Frau H. die Möglichkeit der Betrachtung durch Bachtin.

Jeder einzelne Betrachter der Collagen  eröffnet wieder einen neuen Zeitstrang.

In Gedanken beschäftige ich mich mit der Weiterverarbeitung und Präsentation der fertigen Collagen.

Blatt 5 Im Strandbad 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Blatt 5 Im Strandbad 25 x 25 cm (c) Collage von Susanne Haun

Am Rande bemerkt:
„Tolstoi hielt nichts von Augenblicken, er war nicht daran interessiert, sie mit Wesentlichem und Entscheidendem auszufüllen; das Wort „plötzlich“ kommt bei ihm nur selten vor und leitet niemals ein bedeutendes Ereignis ein. Im Unterschied zu Dostojewski liebt Tolstoi die Ausdehnung der Zeit.“²

Ich habe mir vor der partiellen Lektüre Bachtins über die Zeit in Romanen und auch in der bildenden Kunst keine Gedanken gemacht.  Es macht mir Freude, über die Zeit nachzudenken.

For my English-speaking readers:
Yesterday I ripped one of the great portrait photos from my in waste founded photo album. The photo itself was so dominant that I could work with them only in a few parts to something new.

In one of my seminars at the FU, we talked about Michail Bachtins chronotopes. Bachtin was a Russian literary critic and art theorist. I wonder if there is something like destiny that I find the past, present and get even writings of Bachtin.
In my collages I make the time on two time lines.
Each individual reader of collagen re-opened a new time line.
In my mind I am concerned with the processing and presentation of the finished collages.

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²Bachtin, Michail, Formen der Zeit im Roman, Frankfurt am Main, 1985 [1975]

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