Als Urberlinerin kenne ich das Hansaviertel – es liegt im Tiergarten und ich bin keine 5 km entfernt aufgewachsen.
Es liegt so nahe an meinem zuhause, dass ich es schlichtweg übersehen habe. So war ich bei der dieswöchigen Architektur Exkursion überrascht, was das Hansaviertel bietet!
Das südliche Hansaviertel wurde 1953 geplant und, im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Interbau von 1957, in den Jahren von 1955 bis 1960 realisiert.
Das Gebiet besteht aus Punkt- und Scheibenhochhäusern, Zeilenbauten und Bungalows, die durchgrünt in lockerer Verteilung willkürlich in offener Bauweise gesetzt scheinen. Der Architekt Hans Scharoun erhielt 1946 vom Alliierten Kontrollrat den Auftrag, ein Konzept zur Neugestaltung Berlins zu entwickeln.
Scharoun entwickelte einen Kollektivplan, die Häuser sollten eine Stadtlandschaft dem Berliner Urstromtal folgend bilden. Die Architektur geht fliessend in den Tiergarten über. Scharoun grenzte seinen Entwurf klar vom Historismus des 19. Jahrhunderts ab. Das Hansaviertel gilt als Demonstrationsobjekt moderner Stadtplanung und Architektur jener Zeit, der klassischen Moderne oder Nachkriegsmoderne.
Es wurde ein Wettbewerb für die Bebauung ausgeschrieben und 1/3 West-Berliner, 1/3 West-Deutsche und 1/3 internationale Architekten ausgewählt.
Wir schauten uns gezielt das vom Brasilianer Oscar Niemeyer entworfene Scheibenhochhaus an. Niemeyer war auch der Architekt der öffentlichen Gebäude von Brasilia.
Niemeyer lernte bei Le Corbusier. Interessant finde ich, dass Le Corbusier, Mies van der Rohe und Gropius alle bei Behrens in der Lehre waren. Ist Behrens der Urvater der modernen Architektur?
Wenn der Betrachter nicht genau hinschaut, kann das Gebäude schnell den Eindruck eines Plattenbaus hinterlassen. Aber wenn man genau hinschaut, dann sieht man, dass die Fassade als Bild zu verstehen ist. Die Funktion des Gebäudes wird nach außen getragen. 5 Stockwerke sind in Loggien unterteilt.
V-förmige Piloti halten jeweils eine Schotte des Gebäudes. Durch die Piloti wird der Boden unter dem Gebäude nicht versiegelt.
Der Beton wurde Vorort gegossen und durch die dabei verwendeten Holzverschalungen, erhielt der Beton eine Maserung. Das letzte Stockwerk ist der Deckel des Gebäudes, der die Stabilität gibt und außerdem Dachfläche zur Nutzung bietet. Das Gebäude zeigt noch 60 Jahre nach dem Bau seine Konstruktion.
Das Licht scheint Morgens in die Schlafräume (Westen) und Nachmittags in die Küche. Die Nord- und Südseite besitzt keine Fenster – so kann das Gebäude im Sommer nicht aufgeheizt werden und im Winter nicht auskühlen.
Moderne Architektur kann mit Gesamtform (Volumina), Höhen- und Tiefenstaffelung, Material, Farbe und Tragen- und Lastenelemente
beschrieben werden.
Nach dem Niemeyer Haus schauten wir uns die Bungalows und die Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche an. Es lohnt sich, einmal mit offenen Augen durch das Hansaviertel zu laufen.
