Überraschung in der Zeichnung oder noch ein Wassermann – Susanne Haun

Ich mag Überraschungen – als Geschenke, bei besonders gutem Essen, in Filmen, Besuch ….

Ich mag keine Überraschungen im Material oder in meinen Zeichnungen.

Wassermann - Zeichnung von Susanne Haun - 20 x 20 cm - Tusche auf Bütten
Wassermann - Zeichnung von Susanne Haun - 20 x 20 cm - Tusche auf Bütten

Jürgen Küster fragte mich in den Kommentaren zu meinem gestrigen Beitrag:

„Hallo Susanne!
Sich beim Zeichnen quälen, weil das Material den eigenen Ansprüchen nicht genügt, ist natürlich übel. Andererseits: Kann die Unkalkulierbarkeit der Ergebnisse in dieser Situation nicht auch einen zeichnerischen Reiz darstellen?
LG Jürgen“

Danke für diese wirklich interessante Frage, Jürgen!

Nein, Jürgen, Überraschungen in der Kunst stellen für mich persönlich keinen Reiz dar.

Die Lebendigkeit in der Zeichnung – die ist für mich das Wichtige.

Das ist eine Kraft, die ich beim Zeichnen spüre, die dann in mir ist, eine Freude, das Gesehene darzustellen.

Dazu brauche ich übrigens das Handwerk. Ich weiss noch wie verzweifelt ich mit zwanzig war, als ich diese Kraft spürte, aber noch nicht das Wissen hatte, sie gezielt auf das Papier zu bringen. Ich war wütend und hätte alles zerscheppern können.

Bevor ich auf die Zeichnung kalligraphiere, probiere ich die Schriftzüge aus - Foto von Susanne Haun
Bevor ich auf die Zeichnung kalligraphiere, probiere ich die Schriftzüge aus - Foto von Susanne Haun

In der Zeichnung ist keine Linie dekorativ, jede Linie ist wohl überlegt und mit Konzentration gezogen.
Für mich persönlich ist es einfach ärgerlich, wenn aufgrund des Materials die Zeichnung Unwägbarkeiten enthält. Der Betrachter kann das auch sehen, diese Stellen, wo der Zeichner nicht wußte, was er machen sollte und einfach mal ein paar Kuller gezogen hat.

Schaut euch einmal die großen Zeichnungen von Picasso an – sie enthalten nur wenige Linien aber diese Linien sind wohl überlegt ins Blatt gesetzt.
Wenn ihr Lust habt, nehmt euch mal so ein großes Blatt und versucht es…. Ich glaube Gerhard Richter hat mal an der Uni gesagt, zeichnet groß, damit ich eure Fehler sehen kann.

Da ich mir gerade das „groß Zeichnen“ in letzter Zeit zu Herzen genommen habe, brauchte ich wieder Eingewöhnungszeit für die kleinen Größen.

Ich war mit meinen drei Wassermännern nicht ganz zufrieden und zeichnete heute kurzerhand und spontan einen vierten. Ich habe das Datum weggelassen, denn warum soll ich mit dem heutigen Stierdatum den Wassermann signieren? Bei den folgenden Sternzeichen werde ich nur mit meinem Namen signieren. Und bei allen Sternzeichen werde ich das Zeichen oben rechts in die Ecke kalligraphieren.

Bevor ich auf die Zeichnung kalligraphiere, probiere ich die Schriftzüge aus - Foto von Susanne Haun
Bevor ich auf die Zeichnung kalligraphiere, probiere ich die Schriftzüge aus - Foto von Susanne Haun

15 comments

  1. Ja, Susanne, Du sprichst mir aus dem Herzen!

    Z.B. bei den Aquarell-Postkarten von Hahnemühle ist es so. Immer wieder machen sich Striche, die ich mit dem Pinsel ziehen will – selbständig. Lästig ist das.
    Die Karte ist eh schon so klen, und dann geht präzise malen – pinsel-zeichnen nicht …

    Auch bei andren Papieren ist es ein überraschender, unwillkommener Effekt. Gelobt sei das vertraute Papier!

    Schön ist er, der neue Wassermann!

    1. Schön, Eva, dass ich dir aus dem Herzen spreche!

      Deine Erfahrungen mit den Hahnemühle Postkarten kann ich nicht teilen.
      Ich habe eine Stahlfeder benutzt und Rotmaderpinsel der Größe 4, 6 und 8

      Was für Farben und Pinsel hast du benutzt? Das interessiert mich wirklich, da ich deine Erfahrungen auch gerne weiter geben würde!

      Schau hier:
      http://susannehaun.wordpress.com/?s=postkarten

      Danke für dein Lob für meinen Wassermann!

  2. Ich glaub das Problem liegt darin dass die Postkarten von Hahnemühle aus rauem Karton bestehen, wenn man matt oder satiniert gewöhnt ist ist das etwas schwierig dort was Exaktes hinzuzaubern, zumindest ist der Postkartenkarton den ich habe rau und es gab auch keinen matten, ich denk mal nicht dass das in den Metallschachteln anders ist?

  3. Hallo Susanne,

    da bin ich mal nicht ganz konform – es ist schön, im Fluss zu sein, aber manchmal ist es wichtig, zu stolpern. Überraschungen mag ich zwar nicht ständig, wenn ich arbeite, aber gelegentlich finde ich es gut, wenn mich das Material oder das Thema aus meiner Routine bringen & ich was Neues entdecke. Ich glaube, vieles in meiner Arbeit entsteht zufällig.

    Was verstehst Du unter einer „dekorativen Linie“?

    Da behaupte ich, das gibt es nicht. Es gibt per se keine guten oder schlechten Linien. Linien sehen dick oder dünn, zögernd oder selbstbewusst aus. Manchmal sind sie mit Lineal, meistens frei Hand gezogen. Egal, ob mit Bleistift, Feder oder Pinsel: Dekorativ ist immer eine Frage des Zusammenhangs.

    Meine ich.

    1. Hallo Armin,

      ich habe nun den Tag darüber nachgedacht, wie ich „in Worten“ die dekorativen Linien beschreiben kann. Dekorative Linien sind für mich „Verlegenheitslinien“. Ich habe des öfteren eine gute wohlüberlegte Zeichnung gesehen und dann ist da ein Bereich, da sieht man, dass der Zeichner nicht mehr wußte, was er zeichnen sollte. Das Blatt braucht aber seiner / ihrer Ansicht dort noch Zeichnung und er / sie füllt es mit Kringeln oder Strichen, die unüberlegt und nicht im Gesamtfluß sind. Und da kommt dein Zusammenhang — es sind halt zusammenhangslose Linien, die entstehen, weil die Ideen ausgegangen sind. Ich persönlich finde, dass man solche Linien sieht!

      Ich bekomme gerne als Überraschung neue Materialien, die ich dann benutze und probiere Armin und da mag ich auch Überraschungen und es durchbricht meine Routine und inspiriert mich. Aber habe ich ein Material erforscht und erwarte bestimmte Eigenschaften von ihm und plane diese, dann mag ich keine Überraschung mehr …… mmmm, wie soll ich das sagen, wenn ich experimentiere, dann experimentiere ich mit Freude ……

      LG Susanne

  4. Ich weiß es nicht, ob man diese Linien siehen kann.

    Natürlich gibt es Formen der Zeichnung, die mir nicht gefallen oder die ich nicht verstehe.

    Aber am Ende ist die Frage, wie ich eine Linie beurteile (ob sie aus Verlegenheit, Dekoration oder gefühlter Notwendigkeit gezogen wird), vielleicht eher eine Geschmacksfrage. Oder eine Frage der Vorliebe.

    Wir können es nicht wirklich beurteilen. Ist vielleicht ähnlich wie mit der Authentizität. Von solchen Begrifflichkeiten habe ich mich verabschiedet, weil sie mich nicht weiter bringen.

    Wie authentisch ist ein gefundenes, gebogenes Stück verrosteter Draht auf einer Baustelle (eine Linie im Raum): http://4.bp.blogspot.com/_EGAuPwJ-2Pk/TCuu1mgEjQI/AAAAAAAAC38/uExrMAkyu_g/s1600/28a_06_10.jpg

    Trotzdem glaube ich zu verstehen, was Du meinst. Vor Urzeiten zeichnete ich sehr expressiv & wütend, die Blätter waren übersät von nervösen Linien, rhythmischen Liniengeflechten – teilweise war das Papier verletzt, eingerissen. Ich zeichnete Körpereinsatz auf dem Boden, große Formate. Im Lauf der Zeit war mir das zu wenig. Das Emotionale dominierte. Die große Geste schleifte sich ein, verbrauchte sich; suchte Antagonisten. Ich begann, die Zeichnung zu untersuchen, setzte der Geste z. B. eine mit Lineal gezogene Linie gegenüber – das war für mich ein Riesenschritt!

    Früher undenkbar, aber mittlerweile notwendig!

    Oder die „Linien“ auf dem Bild: http://4.bp.blogspot.com/_EGAuPwJ-2Pk/TCuu0TYtRdI/AAAAAAAAC3c/9PGqBQf8TPo/s1600/28e_06_10.jpg

    Welche davon ist dekorativ? Oder zu viel? Oder zu wenig?

    Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, Zeichnung zu entdecken – was wäre die selbstbewusste Linie ohne die Verlegenheitslinie?

    Ich versuche, die Dinge im Zusammenhang zu sehen – nicht isoliert.

    Kompliziert, das alles.

    Oder auch nicht.

    Aber spannend! 😉

    1. Armin, darüber muss ich jetzt etwas länger nachdenken …
      das erstaunliche ist, ich sehe zuerst, wenn ich auf das letzte Bild schaue, die Punkte (Ich nehme es als Punke wahr) auf dem Stuhl.
      Ist das nicht verrückt?
      Danke für deine Worte, die ich jetzt in meinem Kopf von links nach rechts schiebe bis ich mich mit meinen Gedanken dazu melden kann…..
      Grüße von Susanne

  5. Natürlich sieht man auf dem Foto mehr als nur Linien. Möbel, Holzfußboden, Teppich … Chaos.

    Ist auch eine Frage der Wahrnehmung. Einem Botaniker würden vielleicht zuerst die vertrockneten Zweige der Pflanze links oben ins Auge fallen; wenn Du gerade bei Ikea warst, wirst Du vielleicht den roten Teppich (mit weißen Linien) wahrnehmen, ein Elektriker wird sich beim Anblick der Verkabelung winden & ein Schreiner möchte vielleicht den Tisch am rechten Rand abbeizen (Etwas sehen heißt ja auch, etwas anderes übersehen).

    Aber die Kabel, die sich durch den Raum ziehen & winden, beherrschen für mich die Situation. Ich fand es spannend, wie sie sich in verschiedenen Richtungen im Raum bewegen. Ich sah eine abstrakte Zeichnung & drückte ab – wie oben schon erwähnt, man kann die Dinge in der Kunst nicht isoliert betrachten. Alles beeinflusst sich gegenseitig.

    Zeichnung beschränke ich nicht nur auf Linien. Auch Punkte, Fächen oder Strukturen, Texturen, Schraffuren … sind alles Möglichkeiten.

    Anbei ein Link zu einer Zeichnung von Seurat, der übrigens ein fantastischer Zeichnerwar! http://www.art-wallpaper.com/22305/Seurat+Georges/Sitting+boy+with+Straw-1024×768-22305.jpg

    Helle & dunkle Fächen, die Textur des Papiers. Mehr nicht.

    1. Ja, Armin, die Zeichnungen von Seurat mag ich auch sehr – es gab hier bei uns ins Berlin vor ca. 10 Jahren die Ausstellung „Linien, Licht und Schatten“ im Kupferstichkabinett. Da hatte ich das Glück die Zeichnungen von Seurat im Origianl zu betrachten. Ich kaufte mir damals den Katalog zur Ausstellung und der ist inzwischen voller Fähnchen und Ecken…..

      Den Weg des Emotionalen bin ich auch zuerst gegangen. Es entstanden riesige Zeichnungen, da ich aber nicht genügend großes Papier hatte, setzte ich immer wieder Teile an …. aber wie du schon sagst, das Emotionale reicht irgendwann nicht und natürlich hast du recht, emotioanle Linien sind nicht dekorativ.

      Selbst das, was dekorativ scheint, wie Stuck in Zimmern oder Tapeten sind das Produkt wohlüberlegter Handlungen. Aber das meine ich auch gar nicht. Aber ich glaube, du weißt inzwischen, was ich meine.
      Ich unterrichte zur Zeit nicht so dass ich auch keine Beispiele bekomme ……aber ich halte die Augen auf und behalte im Kopf, Beispiele dazu zu sammeln, welche Linien so „dahingemalt“ sind………

      Ein Stück verbogener Draht erscheint mir sehr authentisch, wenn er ein Fundstück ist ….. von Menschen gebogen ist es wieder dieselbe Frage …. puh, Armin, deshalb hast du dich also von der Authentizität verabschiedet. Verstehe.

      Die Frage der Wahrnehmung ist natürlich auch wichtig und die ist nunmal bei jedem anders. Und da hast du recht, das ist spannend und die Wahrnemmung des anderen regt uns an unser Bewußtsein zu erweitern und neue Gedanken zu fassen. Und es ist auch sehr gut, dass du meine Nase mal wieder weg von den Linien führst …. :-)))))))

      Andreas sagt auch immer wieder zu mir, ich soll die Flächen nicht vernachlässigen ….. das ist die Wahrnehmung … das ist das, was uns dann aber authentisch macht, oder? Andreas vorliebe für Flächen, deine Vorliebe für die weichen Bleistifte und meine Vorliebe für die Linien … das sind dann wir.

      Oje ,…..,,, jetzt höre ich erst mal auf mit dem sinnieren und denken ……

  6. Ich glaube nicht, dass Du Dir Gedanken zum Thema Authentizität machen musst. Wer Dich, Deine Arbeit & Dein Blog verfolgt, wird erkennen, dass hier jemand ernsthaft seinen Weg geht. Das ist es.

    Wir tun, was wir tun müssen. Ob Linien oder Fächen oder beides in Kombination – alles ist möglich.

    (Ich versuche mir halt öfter mal ein Bein zu stellen, wenn es mir zu gut geht)

    Es ist wichtig, wach zu bleiben – da habe ich bei Dir keine Sorge! 😉

    1. Danke, Armin. Ja, da hast du recht, wir tun, was wir tun müssen. Es ist als ob unser Inneres uns dazu drängt….
      Und selber Beine stellen, das finde ich auch nicht schlecht….. da wird man aus der Mühle heraus gerissen und findet Neues!

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