Die Künstler der chinesischen Tuschemalerei halten es nicht für nötig, ein Blatt mit Farben zu bedecken, um die höchsten geistigen Ideale auszudrücken.
In ihrer Kunst wird der korrekte Einsatz der Tusche mit der Beherrschung des Pinselstrichs verbunden. Mit Geduld und Praxis kann diese Art der Kunst zur Vollkommenheit gebracht werden.
Lange habe ich nicht mehr die Beherrschung des Pinselstrichs trainiert. Als Motiv eignet sich dazu Bambus sehr gut. Ich habe das S U M I – E Papier von Hahnemühle benutzt. Es war nicht einfach, den richtigen meiner verschiedenen chinesischen Pinsel für das Papier zu finden, aber Papier ist geduldig und ein Block mit S U M I – E besitzt 20 Blätter und so verwundert es euch sicher nicht, dass auch einige Blätter von mir zerknüllt wurden.
Meine Eltern hatten einen großen Bambus am Teich zu stehen, er blühte und ging ein. Normalerweise wächst er kräftig und ernergisch. Im Wind wirkt er nachgiebig. Die hohlen Äste erinnern daran, dass auch die klügsten Menschen noch Raum haben, um dazuzulernen. Diese chinesische Philosophie gefällt mir gut. Bei mir im Kopf gibt es sicher noch viele Hohlräume, die ich mit Wissen füllen kann.
____________________________
Quelle: Wang Jia Nan, Cai Xiaoli, Dawn Young, Die Fernöstliche Tuschemalerei, Kapitel Die Bedeutung der Tusche, München 1998, S. 26.
