Stillleben · Zeichnung

Von der Intimität einer Damenhandtasche – Susanne Haun

Der erste hefitige Schmerz ist geringer geworden, er hat sich in ein dumpfes Pochen des Vermissens gewandelt. Die Nächte bestehen nicht mehr nur aus stückweisem Schlaf unterbrochen von Trauer und Grübeleien.

Es gibt jedoch immer wieder Tage, da bricht alles wieder an die Oberfläche und zeigt mir, dass der Heilungsprozeß auch nach einem Vierteljahr noch nicht begonnen hat.

Damenhandtasche (c) Zeichnung von Susanne Haun
Damenhandtasche (c) Zeichnung von Susanne Haun

Das erste Mal haben wir 4 Wochen nach Mamas Tod ihre Sachen sortiert, die Mäntel aus der Gardrobe weggehangen, das Strickzeug in den Schrank gelegt und somit die unmittelbare Präzenz einer bis vor kurzem noch Lebenden verborgen. Ich habe dabei unter Tränen Mamas schwarze Alltagshandtasche (groß) – ihre letzte Handtasche – und eine kleine „ich gehe nur mal kurz raus Handtasche“ ausgeräumt. Die kleine Parfümflasche, Coco Chanel, die ich dabei unter anderem auch entdeckte, steht auf meiner Kommode, neben Mamas Foto.

Gestern war Papa nach Aufräumen zumute und wir haben gerade Bücher und Rezepte sortiert als Papa mir eine weiße große Handtasche in den Schoß legte. Mamas weiße Alltagshandtasche, gefüllt mit den Dingen, die Frauen in ihrer Handtasche haben, ihr Lippenstift, ihr Labello, kleine Reissverschlusstaschen mit Taschentücher, Hygieneartikel, Kugelschreibe, Notizheftchen, usw. Die Wunde der Trauer brach sofort wieder auf und die letzte Nacht habe ich kaum geschlafen.

Wenn ich es irgendwann hoffentlich in ferner Zukunft abschätzen kann, dass ich nicht mehr lange zu leben habe, dann werde ich meine Handtaschen leeren, werde persönlich die Stifte und Hefte und Lippenstifte und, und, und entsorgen. Das habe ich mir vorgenommen. Ich hoffe, ich kann dieses Vorhaben durchsetzen. Wie um das Vorhaben zu besiegeln, zeichnete ich meine Taschen in mein Skizzenbuch. Mamas Taschen mit Inhalten zu zeichnen wäre mir pietätlos vorgekommen.

22 Kommentare zu „Von der Intimität einer Damenhandtasche – Susanne Haun

  1. Der Abschied von einem Elternteil ist schmerzlich und braucht seine Trauerzeit. Philip Roth schrieb in seinem Buch zum verlorenen Vater, „Mein Leben als Sohn“ – wenn mich das Lese-Gedächtnis nicht trügt – von dem geerbten Rasierpinsel.
    Für die ersten Feiertage ohne die Verstorbene gute Wünsche und gute Zeit der ganzen Familie.

    1. Danke für deinen Hinweis auf Philip Roth – ich lese ihn sehr gerne aber „Mein Leben als Sohn“ habe ich noch nicht gelesen. Ich fand Exit Ghost ausgesprochen gelungen und handelt dieses Buch nicht genau von diesem Sohn? Ist Zuckmayer nicht Roth Protagonist, der ihn durch die Jahre begleitet?
      Einen schönen Neujahrsanfang von Susanne

    1. Danke, liebe Dina. Es wird sicher mit den Jahren besser. Wir haben Weihnachten entgegen unserer Befürchtungen gut verbracht. Nun ist Papa im Krankenhaus und wird einmal richtig durchgescheckt und auf Medikamente gegen Parkinson eingestellt. Ich hoffe, es geht ihm danach besser.
      Liebe Grüße von Susanne

  2. alles gute, susanne. ich habe vor 2 jahren meinen papa verloren. die lücke schließt sich nicht, aber es tut nicht mehr so weh. wenn ich drüber nachdenke, kann ich es eigentlich nicht fasse, dass er nicht mehr hier ist. ich lebe halt weiter, aber verstehen tu ich das nicht. ich denke mir immer, er ist dorthin gegangen, wo die musik herkommt. alles, alles liebe!

    1. Danke, Marianne. Ja, es ist sehr unwirklich, ich kann es auch nicht fassen, dass Mama nicht mehr da ist. Und das, obwohl sie durch ihre Alzheimer schon länger geistig nicht mehr ganz bei uns weilte.
      Liebe Grüße und einen schönen Neujahresbeginn von Susanne

  3. mir stehen tränen in den augen. bei der überschrift habe ich nicht an verlust und schmerz gedacht.

    mein tief empfundenes beileid für dich und deine familie. mögest du kraft haben und spenden, und mögest du ein stütze in der kommenden zeit sein und haben.

    1. Danke, hopeful, langsam lässt die Trauer etwas nach und das Vermissen beginnt. Es ist für mich immernoch unvorstellbar, dass ein Mensch einfach so verschwinden kann.
      Alles Gute für das Neue Jahr von Susanne

  4. Liebe Susanne, ich bewundere Deine pragmatische Voraussicht und ich spüre in den letzten Monaten schon, wie sie mich zu ähnlichen Gedanken und Taten inspiriert. Ich wünsche Dir viel Kraft und Deine nicht versiegende Kreativität als Quelle. Das erste Jahr, das Trauerjahr… Alles Liebe, Doreen

    1. Es ist nicht einfach, die eigenen Spuren zu verwischen. Aber es ist relativ einfach, sich von Dingen zu trennen, die man bei realistischer Betrachtung nicht benötigt. Ich bin froh, wenn der Winter vorbei ist und wenn wir das Grab meiner Mama gestalten können, ich bin oft dort.

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