Susanne Haun

Von der Intimität einer Damenhandtasche – Susanne Haun

Posted in Stillleben, Zeichnung by Susanne Haun on 21. Dezember 2016

Der erste hefitige Schmerz ist geringer geworden, er hat sich in ein dumpfes Pochen des Vermissens gewandelt. Die Nächte bestehen nicht mehr nur aus stückweisem Schlaf unterbrochen von Trauer und Grübeleien.

Es gibt jedoch immer wieder Tage, da bricht alles wieder an die Oberfläche und zeigt mir, dass der Heilungsprozeß auch nach einem Vierteljahr noch nicht begonnen hat.

Damenhandtasche (c) Zeichnung von Susanne Haun

Damenhandtasche (c) Zeichnung von Susanne Haun

Das erste Mal haben wir 4 Wochen nach Mamas Tod ihre Sachen sortiert, die Mäntel aus der Gardrobe weggehangen, das Strickzeug in den Schrank gelegt und somit die unmittelbare Präzenz einer bis vor kurzem noch Lebenden verborgen. Ich habe dabei unter Tränen Mamas schwarze Alltagshandtasche (groß) – ihre letzte Handtasche – und eine kleine „ich gehe nur mal kurz raus Handtasche“ ausgeräumt. Die kleine Parfümflasche, Coco Chanel, die ich dabei unter anderem auch entdeckte, steht auf meiner Kommode, neben Mamas Foto.

Gestern war Papa nach Aufräumen zumute und wir haben gerade Bücher und Rezepte sortiert als Papa mir eine weiße große Handtasche in den Schoß legte. Mamas weiße Alltagshandtasche, gefüllt mit den Dingen, die Frauen in ihrer Handtasche haben, ihr Lippenstift, ihr Labello, kleine Reissverschlusstaschen mit Taschentücher, Hygieneartikel, Kugelschreibe, Notizheftchen, usw. Die Wunde der Trauer brach sofort wieder auf und die letzte Nacht habe ich kaum geschlafen.

Wenn ich es irgendwann hoffentlich in ferner Zukunft abschätzen kann, dass ich nicht mehr lange zu leben habe, dann werde ich meine Handtaschen leeren, werde persönlich die Stifte und Hefte und Lippenstifte und, und, und entsorgen. Das habe ich mir vorgenommen. Ich hoffe, ich kann dieses Vorhaben durchsetzen. Wie um das Vorhaben zu besiegeln, zeichnete ich meine Taschen in mein Skizzenbuch. Mamas Taschen mit Inhalten zu zeichnen wäre mir pietätlos vorgekommen.

22 Antworten

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  1. SätzeundSchätze said, on 21. Dezember 2016 at 19:29

    Liebe Susanne, wenn ich das lese, würde ich dich am liebsten spontan in den Arm nehmen. Liebe Grüße, Birgit

    • Dina said, on 21. Dezember 2016 at 20:56

      Ich auch!! ❤

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 07:57

      Danke, Birgit, es geht schon wieder ein wenig besser, im Moment ist Papa im Krankenhaus und ich habe einiges zu tun. Liebe Grüße Susanne

      • SätzeundSchätze said, on 5. Januar 2017 at 09:26

        Liebe Susanne, ich wünsche euch alles Gute, vor allem Deinem Papa gute Besserung! Liebe Grüße Birgit

  2. arnoldnuremberg said, on 21. Dezember 2016 at 19:42

    Der Abschied von einem Elternteil ist schmerzlich und braucht seine Trauerzeit. Philip Roth schrieb in seinem Buch zum verlorenen Vater, „Mein Leben als Sohn“ – wenn mich das Lese-Gedächtnis nicht trügt – von dem geerbten Rasierpinsel.
    Für die ersten Feiertage ohne die Verstorbene gute Wünsche und gute Zeit der ganzen Familie.

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:00

      Danke für deinen Hinweis auf Philip Roth – ich lese ihn sehr gerne aber „Mein Leben als Sohn“ habe ich noch nicht gelesen. Ich fand Exit Ghost ausgesprochen gelungen und handelt dieses Buch nicht genau von diesem Sohn? Ist Zuckmayer nicht Roth Protagonist, der ihn durch die Jahre begleitet?
      Einen schönen Neujahrsanfang von Susanne

  3. Annalise said, on 21. Dezember 2016 at 20:10

    Ungewöhnlich

  4. Dina said, on 21. Dezember 2016 at 21:00

    Fühl dich dich ganz, ganz lieb umarmt, Susanne!

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:02

      Danke, liebe Dina. Es wird sicher mit den Jahren besser. Wir haben Weihnachten entgegen unserer Befürchtungen gut verbracht. Nun ist Papa im Krankenhaus und wird einmal richtig durchgescheckt und auf Medikamente gegen Parkinson eingestellt. Ich hoffe, es geht ihm danach besser.
      Liebe Grüße von Susanne

  5. mydailypainting said, on 21. Dezember 2016 at 22:12

    alles gute, susanne. ich habe vor 2 jahren meinen papa verloren. die lücke schließt sich nicht, aber es tut nicht mehr so weh. wenn ich drüber nachdenke, kann ich es eigentlich nicht fasse, dass er nicht mehr hier ist. ich lebe halt weiter, aber verstehen tu ich das nicht. ich denke mir immer, er ist dorthin gegangen, wo die musik herkommt. alles, alles liebe!

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:03

      Danke, Marianne. Ja, es ist sehr unwirklich, ich kann es auch nicht fassen, dass Mama nicht mehr da ist. Und das, obwohl sie durch ihre Alzheimer schon länger geistig nicht mehr ganz bei uns weilte.
      Liebe Grüße und einen schönen Neujahresbeginn von Susanne

  6. Ruhrköpfe said, on 22. Dezember 2016 at 10:15

    Mein Beileid, liebe Susanne ❤

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:04

      Danke, Annette, die erste Trauer weicht langsam dem Vermissen und dem Akzeptieren.
      Ein schönes Neues Jahr wünscht dir Susanne

      • Ruhrköpfe said, on 6. Januar 2017 at 10:12

        Liebe Susanne, in dieser Zeit gibt es keinen Trost. Mir taten Menschen gut, die meine Trauer aushalten und zuhören können… Alles Gute für dich ❤ Annette

  7. Tobias said, on 22. Dezember 2016 at 17:46

    Liebe Susanne, auch von mir, herzliches Beileid!

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:05

      Herzlichen Dank, Tobias, es ist der Lauf des Lebens, auch wenn er mir nicht gefällt.
      Viel Erfolg und Glück im Neuen Jahr von Susanne

  8. hopeful05 said, on 23. Dezember 2016 at 17:04

    mir stehen tränen in den augen. bei der überschrift habe ich nicht an verlust und schmerz gedacht.

    mein tief empfundenes beileid für dich und deine familie. mögest du kraft haben und spenden, und mögest du ein stütze in der kommenden zeit sein und haben.

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:09

      Danke, hopeful, langsam lässt die Trauer etwas nach und das Vermissen beginnt. Es ist für mich immernoch unvorstellbar, dass ein Mensch einfach so verschwinden kann.
      Alles Gute für das Neue Jahr von Susanne

  9. hehocra said, on 23. Dezember 2016 at 19:56

    Liebe Susanne, ich bewundere Deine pragmatische Voraussicht und ich spüre in den letzten Monaten schon, wie sie mich zu ähnlichen Gedanken und Taten inspiriert. Ich wünsche Dir viel Kraft und Deine nicht versiegende Kreativität als Quelle. Das erste Jahr, das Trauerjahr… Alles Liebe, Doreen

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:17

      Liebe Doreen, ja, das Trauerjahr, es ist eine intelligente Bezeichnung und dieses Trauerjahr hat seine Berechtigung …. Liebe Grüße von Susanne

  10. Madame Filigran said, on 23. Dezember 2016 at 22:27

    Wie ich das kenne, liebe Susanne, diesen Schmerz, das Aufreißen der Wunde. Meine ist auch noch ganz frisch.
    Ich umarme dich.

    (Habe schon angefangen, ein paar meiner Spuren zu verwischen).

    • Susanne Haun said, on 5. Januar 2017 at 08:20

      Es ist nicht einfach, die eigenen Spuren zu verwischen. Aber es ist relativ einfach, sich von Dingen zu trennen, die man bei realistischer Betrachtung nicht benötigt. Ich bin froh, wenn der Winter vorbei ist und wenn wir das Grab meiner Mama gestalten können, ich bin oft dort.


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