Der Riesenbagger – Radierung von Susanne Haun

Ich habe mich für die dritte der gestrigen Zeichnungen zum Radieren entschieden.

2009 habe ich für die Palette (16. Jahrgang, Ausgabe 1/2009, Nr. 81) einen Bericht übers Radieren geschrieben. Dort erkläre ich ausführlich die Radierung. Hier der Artikel von mir:

Titelseite der Palette, in der mein Artikel über Radierung steht
Titelseite der Palette, in der mein Artikel über Radierung steht

„Radieren? Hat das was mit einem Radiergummi zu tun?“ Diese Frage höre ich häufig mit einem unverschämten Grinsen auf den Lippen vom „kunstinteressierten“ Laien. Oft lässt das Interesse des Fragenden nach, wenn ich mit den technischen Ausführungen beginne.

Was steht für mich am Anfang der Radierung und wie empfinde ich das Radieren in der heutigen Zeit? Welche Gedanken bilden sich spontan in meinem Kopf?

Salpetersäure, Schmutz, höchste Konzentration, Spannung und Enttäuschung, körperliche Anstrengung, Erschöpfung. Diese Wörter könnten aus einem Krimi sein. Aber es sind die Wörter, die ein Tag in der Radierwerkstatt Kennzeichnen.

Für diese Zeichnung habe ich mich entschieden, das Pauspapier liegt schon bereit - Foto von Susanne Haun
Für diese Zeichnung habe ich mich entschieden, das Pauspapier liegt schon bereit - Foto von Susanne Haun

Am Anfang der Radierung steht die Zeichnung. Als es noch keine Computer in jedem Haushalt gab und es auch noch keine Selbstverständlichkeit war, einen Fotoapparat zu besitzen war die Radierung die aktuelle Methode, Zeichnungen – sprich Kunst zu vervielfältigen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Wenn ich zeichne genügt es eine Schürze umzubinden, um meine Kleidung zu schützen. Wenn ich mit meinem Kollegen Andreas Mattern in unsere Druckwerkstatt K-02 gehe, muss ich mir komplett alte Sachen anziehen. Manchmal glaube ich, dass es schon genügt die Radierwerkstatt aufzuschließen, um schmutzig zu werden. Dabei muss man gerade bei der Radierung sehr sauber arbeiten. Ein kleiner Fehler und die Arbeit eines Tages ist zu Nichte. Ich habe meine Kaffeetasse und die Zeichnung, die ich radieren will unter dem Arm. Ich decke die Zinkplatte mit Wachs ab. Manchmal zeichne ich nun mit einem Bleistift mein Motiv spontan in die Platte oder ich übertrage eine Zeichnung. Dort wo der Wachs durch den Bleistift abgekratzt wird, kann die Säure die Zinkplatte ätzen. Die Strichätzung entsteht. Wenn ich die Platte in die Säure lege, entsteht ein beißender Dampf. Noch Tage danach ist mein Geruchssinn eingeschränkt. Wie lange die Platte in der Säure bleibt ist das Geheimnis des Radierers. Es soll nur so viel gesagt sein: je länger die Platte geätzt wird desto dunkler werden die Linien. Eigentlich sollte man nun mit Werkzeugen die Platte aus der Säure heben – das ist mir zu aufwendig. Ich greife nach dem alten Pinsel und hebe die Platte an und nehme sie mit den Händen aus der Säure. Mit Nitrolösung wird der Wachs entfernt und danach wird die Platte mit Spüli gesäubert.
Jetzt muss die Farbe in die Zinkplatte eingerieben werden. Dazu benutzt man Gaze. Die Gaze hängt in unserer Werkstatt nach Farben sortiert auf Strippe, die wir kurz unter der Decke gespannt haben. Das sieht sehr tibetanisch aus.

Vernis Mou, Zinkplatte, Zange, Rolle zum Verteilen des Wachs - Foto von Susanne Haun
Vernis Mou, Zinkplatte, Zange, Rolle zum Verteilen des Wachs - Foto von Susanne Haun

Es ist sehr anstrengend, die Farbe in die Platte zu reiben. Man könnte Handschuhe anziehen, wenn man die Farbe einreibt. Aber ich finde der unmittelbare Kontakt zur Platte geht dann verloren. Das Gefühl, die Farbe in die Linien zu reiben ist sehr ursprünglich. Nun kommt der spannende Augenblick. Die Platte wird auf die Presse gelegt. Das Papier ist schon am Abend zuvor eingeweicht worden. Beim Tiefdruck muss das Druckpapier eingeweicht werden, damit die Farbe in das Papier gepresst werden kann.

Unsere Presse ist wunderschön. Es ist eine Zokai mit herrlichen Schrauben und einem Rad zum drehen. Mit dem Rad bewegt man den Schlitten. Die Rolle muss festgedreht werden. Hier kommt es auf das Fingerspitzengefühl an. Nicht zu fest aber auch nicht zu locker ist hier die Devise.

Durch das Pauspapier habe ich beim aufdrücken meiner Hände den Wachs geschmolzen und die Salpetersäure ist so gesamt auf die Platte gedrungen, die so wenig Kontraste hat
Durch das Pauspapier habe ich beim aufdrücken meiner Hände den Wachs geschmolzen und die Salpetersäure ist so gesamt auf die Platte gedrungen, die so wenig Kontraste hat

Die Spannung steigt ins unermessliche, wenn man das Blatt von der Presse hochhebt und umdreht. Sind die Linien gut gedruckt? Vermittelt der Druck das, was ich wollte? Die Linie ist das Wichtigste in diesem Moment. Ich habe folgendes Zitat von Martin Disler gefunden: „Ich will alles falsch malen und zeichnen, die unerwartete Linie und die unerträglich erwartete Linie; so bin ich sicher, dass diese von mir sind und nicht vom großen Raster“. Ich kann sehr gut nachvollziehen was er meint und mich packt wieder einmal die Sehnsucht nach der Linie. Die Linie im Bild entscheidet, ob der Druck qualitativ hoch oder niedrig ist. Unter eine Linie in der Kunst verstehe ich nicht die geometrische, mathematische Linie. Die Linie in meinen Drucken soll bewegt sein – dick und dünn, lustig sich einher schlängelt. Sie soll Gesichter umgrenzen und nicht begrenzen. Sie soll von links nach rechts von Oben und unten Hell und Dunkel werden. Sie soll sich an einander kuscheln im dunkel und im hellen sind weit voneinander entfernen.

Die Platte liegt in der Salpetersäure und diese äzt dort, wo die Linien sind, das Zink - Foto von Susanne Haun
Die Platte liegt in der Salpetersäure und diese äzt dort, wo die Linien sind, das Zink - Foto von Susanne Haun

(…)

Mechanische Verfahren der Radierung: Stich, Kaltnadel, Mezzotinta. Hier wird direkt auf der Platte gearbeitet, also in die Platte gestochen, geritzt oder geschabt.

Chemische Verfahren: Radierung (Strichätzung), Aquatinta usw.

Radierung ist abgeleitet aus dem lateinischen, radere=reißen. Der Widerspruch besteht aber darin, dass die Arbeit mit der kalten Nadel eigentlich keine Radierung ist, obwohl hier ja in die Platte „gerissen“ wird. Die eigentliche Radierung entsteht aus dem chemischen Verfahren, indem die Säure das Metall da angreift wo es nicht mit Abdecklack abgedeckt ist, es muss sich aber um Linien handeln, handelt es sich um Flächen ist es Flächenätzung oder Aquatinta. In der Regel wird eine Radierung auf Kupfer- oder Zinkplatten gefertigt, Kupferplatten lassen sich auch verstahlen, so dass man auch Drucke bis ca. 200 Stück in guter Qualität anfertigen kann. Bei Zink geht das nicht, man kann höchstens 40 Abzüge von guter Qualität anfertigen. Danach sind die weichen Platten nicht mehr zu gebrauchen. Die Linien und Flächen haben sich wieder fast wie bei Knete geschlossen.

Bei der Aquatinta (körnige Radierung) arbeitet man zusätzlich noch mit Staub aus Asphalt oder Harz, der gleichmäßig aufgetragen und dann eingeschmolzen wird. Die Zwischenräume zwischen den geschmolzenen Staubkörnern, ergeben eine Fläche. Geätzt wird in der Regel mit Salpetersäure.

(…)

Die Radierung ist die Königin der Druckarten. Leider wird diese Technik heute nicht mehr geschätzt. Es gibt immer weniger Künstler, die sich mit der Materie auseinandersetzen.

Für Interessierte steht unser Atelier(Druckwerkstatt K-02 zur Besichtigung immer offen und kann gerne besucht werden. Es empfiehlt sich, vorher anzurufen: 030 46 061072

Der Druck von der zweiten Platte ist klar - hier kann ich weiter arbeiten - Foto von Susanne Haun
Der Druck von der zweiten Platte ist klar - hier kann ich weiter arbeiten - Foto von Susanne Haun

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