Der Balanceakt zwischen fertig und nicht fertig – Gemälde von Susanne Haun

Der Balanceakt zwischen fertig und nicht fertig und groß und klein erzählt viele Geschichten.

Für die Ausstellung „Dämone“ in der Irischen Botschaft Berlin habe ich 40 Arbeiten in der Größe 17 x 22 cm zur Poesie von Diarmud Johnson gezeichnet. Dieses Blatt maß erfordert ein detailliertes, sorgfältiges Arbeiten. Ein kleiner Fehler bedeutet, ein neues Blatt zu nehmen und von vorne zu beginnen.

Entstehung Dämonen im Schlaf (c) Leinwand von Susanne Haun
Entstehung Dämonen im Schlaf (c) Leinwand von Susanne Haun

Ganz anders ist es bei den Leinwänden zwischen 80 x 60 cm und 100 x 70 cm. Dort muss ich schnell, gezielt und mit viel Bewegung arbeiten, damit die Leinwände so expressiv wie ich es möchte in Erscheinung treten.
Ich habe gehört, dass Gerhard Richter zu seinen Schülern sagte, dass sie groß malen sollen, damit er ihre Fehler sieht. Leider habe ich kein entsprechenden Literaturhinweis dazu gefunden.

Eine Leinwand braucht Substanz und trotzdem darf ich sie nicht „totmalen“. Nach der ersten Anlage schaue ich oft Tage auf das Bild, um zu entscheiden, ob es fertig ist oder nicht. Manchmal grundiere ich eine Leinwand neu, manchmal ist sie fertig und manchmal bedarf es nur weniger Linien bis sie fertig ist.

In den letzen 5 Jahren habe ich mich ganz auf Papierarbeiten konzentriert. Erst im letzten Vierteljahr 2012 habe ich begonnen, meine Leinwände aus dem Lager zu holen und zu übermalen. Bevor ich neue Gemälde auf die Alten setze, grundiere ich das Gewebe mit Gesso. Linien und Farben verschwinden fast vollständig unter dem Weiß. Es ist trotzdem ein Unterschied zwischen neuen, fertig grundierten und den übermalt grundierten. Die übermalten haben schon ein eigenes verborgenes Charisma.

Das Grundieren braucht Kraft (c) Selbstfoto von Susanne Haun
Das Grundieren braucht Kraft (c) Selbstfoto von Susanne Haun

Gesso ist italienisch und bedeutet Kreide. Ich mag es am liebsten, wenn ich meine Leinwände selbst bespanne, mit Hasenleim schließe und dann mit Gesso grundiere. Schon die Vorbereitung bis die Leinwand für die Arbeit fertig ist, stimmt mich mental auf mein Bild ein und ich mag die traditionelle Art der Grundierung, sie hat nichts mit den glatten Industrieleinwänden gemein.

Natürlich übermale ich nicht alle Arbeiten der vergangenen Jahre. Wer selber auf Leinwänden malt, kennt allerdings das Problem der Lagerung. Viele Arbeiten habe ich abgespannt und bewahre sie gerollt auf. Besonders meine großen Arbeiten der Größen 200 x 150 cm bis 400 x 280 cm. Die ersten Leinwandarbeiten von mir sind von 1999. Davor habe ich wie heute nur auf Papier gearbeitet. Die ältesten Arbeiten von mir sind Kohlezeichnungen, die ich im Alter von 12 Jahren fertigte und die bei meinen Eltern im Haus hängen.

Den Dämon vom Silvestertag habe ich nicht mehr verändert (siehe hier).

Ich beschliesse einige Partien des Gesichts weiß zu höhen (c) Leinwand von Susanne Haun
Ich beschliesse einige Partien des Gesichts weiß zu höhen (c) Leinwand von Susanne Haun

Den von Dämonen geplagten Schlafenden schaue ich noch an und überlege, in welcher der oben genannten Kategorien ich ihn stecke.

Was ich mit dem Herz von vorgestern mache, das weiß ich noch nicht. Ich habe mich noch nicht entschieden und deshalb auch die letzen zwei Tage an dem Schlafenden gearbeitet.

For my English-speaking readers:
The balancing act between finished and unfinished, and large and small tells many stories.
For the exhibition „demons“ in the Irish Embassy in Berlin I have 40 works drawn in the size 17 x 22 cm for the poetry of Diarmud Johnson. This size of paper requires a detailed and careful work. A small mistake means taking over a new leaf and start over.
It is very different from the screens between 80 x 60 and 100 x 70 cm. There I must quickly work efficiently and with a lot of movement, so that the canvases expressive as I would like to appear.
I’ve heard that Gerhard Richter had told his disciples that they should paint big, so he can see their mistakes. Unfortunately I found no reference to relevant literature.

19 comments

    1. Danke, Hanne, auf die Idee mit den Selbstfotos hat mich eine befreundete Künstlerin gebracht, sie macht viele Aufnahmen von sich bei der Arbeit.
      Morgen kommt wieder eine Leinwand an die Reihe, aber ich denke ohne die Selbstfotos, wenn ich im Fluss der Malerei bin, muss ich ganz fest daran denken, zu fotografieren, sonst vergesse ich es …
      Einen schönen Abend euch …

          1. Sure my dear, sleeping is a good idea when living in vancouver.
            In Berlin it is 9 a.m. and at the beginning day I think about what I will work today… perhaps a draw a little amor.
            Good night sends you Susanne

    1. Das freut mich, Roswitha! Du kannst ja mit einem kleinen Zeichenbuch und einem Schulfüller anfangen. Hast du einen Lieblingsgegenstand in der Wohnung? Etwas, wo du dich freust, wenn du es anschaust? Damit könntest du anfangen…. Einen schönen Abend wünscht dir Susanne

      1. Ach Susanne, ich danke Dir. Aber ich glaube ich bleibe bei meinen vertrauten Ausdrucksmöglichkeiten. Auch dort gibt es für mich noch so viel auszuprobieren.Ursprünglich hatte ich mit Zeichnen und Malen angefangen. Bin dann aber irgendwie zur Fotografie gekommen und hänge immer noch begeistert da dran.Aber bei dir sieht es toll aus, wie du den Pinsel schwingst. LG Roswitha

        1. Ich mag auch deine Fotos sehr, Roswitha, leider bekomme ich deine neuen Beiträge nicht in meinen Reader, obwohl ich dir folge 🙂 ….
          Ich versuche es jetzt mal mit E-Mail Verfolgung ….
          Ich verstehe, dass du dich für die Fotografie entschieden hast. Man kann nicht zwei Sachen nebeneinander gleich gut machen. Und die Fotografie wäre sicher auch sehr eifersüchtig auf die Zeichnung und Malerei und würde dir das mit schlechten Bildern heimzahlen 🙂 🙂 🙂
          Ich konzentriere mich dafür ganz auf die Zeichnung, selbst in der Malerei zeichne ich ….
          Wie heißt es auch so schön? „Schuster bleib bei deinen Leisten.“
          Ich wünsche dir einen schönen Abend, LG Susanne

  1. Das du auf Leinwand zeichnest finde ich sehr spannend. Ich hab nächste Woche Urlaub und noch einige leere Leinwände:)))).
    Mal sehen was ich so zustande bringe. Grundierst du die neuen Leinwände auch nochmal mit Gesso?
    LG Bine

    1. Ich mag Industrieleinwände nicht, Bine und benutze sie auch selten bis gar nicht.
      Ich habe bei Malschülern erlebt, dass die Farbe von der Grundierung abperlt, weil die Leinwand verrückter Weise von der Industrie auch noch imprägniert wird. Du kannst es probieren, Bine, nichts ist unmöglich. Aber ich empfehle immer gutes Material. Das ist schon fast die halbe Miete.
      LG Susanne

  2. Ja, buechermaniac, das ist es.

    Ich gehe meine Leinwände durch und überlege mir, welche nach meinen eigenen Qualitätsmerkmalen noch bestehen können. Und alles, wo ich denke, das ist nicht mehr etwas, wozu ich stehen kann, wird übermalt. Es gibt natürlich auch Bilder, die übermale ich nie.

    Ich zerreise auch bedenkenlos Arbeiten von mir, die ich für nicht gut halte.

    Ich zeichne und male jeden Tag, davon mindestens 1 Zeichnung und das von Montag bis Sonntag. Es wäre ein Wunder, wenn ich immer gleiche Qualität produzieren würde. Manchmal ist es ein Probieren von etwas Neuem was ich nicht weiter verfolge….

  3. Ich danke dir für deine Auskunft. Da ich sehr selten auf Leinwand male, hier aber noch aus Zeiten wo das Geld sehr knapp war Leinwände rumstehen, werde ich mal ausprobieren wie ich damit klar komme. Wenns nicht so wird tut es nicht so weh sie wegzuschmeißen :)))).
    Dir ein schönes Wochenende wünscht Bine

    1. Genau, Bine, das ist die richtige Einstellung! Wenn du so selten auf Leinwände malst, lohnt es sich nicht, sich all das Werkzeug anzuschaffen, was du zum bespannen brauchst!Ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende …. viel Spaß mit deinen Leinwänden! LG Susanne

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