Betrachtungen zur Kunst · Die Versuchung des heiligen Antonius · Illustration · Zeichnung

Anubis? Einer ist geblieben – der heilige Antonius – Zeichnungen von Susanne Haun

„Einer ist geblieben, er steht auf zwei Pfoten, mit halbkreisförmig gebogenem Körper und schiefgelegtem Kopf, misstrauisch.“ Aus „Der Versuchung des heiligen Antonius“ von Flaubert

Eigentlich spricht Flaubert hier von einem Rudel Schakale. Bei einem „stehenden Schakal“ mußte ich allerdings sofort an Anubis, den ägyptischen Gott der Totenriten, denken. Ob Flaubert auch daran gedacht hat und dem heiligen Antonius die ägyptischen Götter als Versuchung gesendet hat?

In Ägypten wurde der Schakal mit der westlichen Wüste, die lt. Überlieferung die Heimat der Toten und die der Hunde, Wölfe und Schakale ist, in Verbindung gebracht. Die Tiere sind dabei die Führer der Seele.

Blatt 27 Er steht auf zwei Pfoten (c) Zeichnung von Susanne Haun
Blatt 27 Er steht auf zwei Pfoten (c) Zeichnung von Susanne Haun

Der heilige Antonius als Christ glaubt an die Dreifaltigkeit:
Gott Vater, Gott Sohn (Jesus Christus) und dem heiligen Geist. Für ihn hat das Gottessystem der Ägypter keine Gültigkeit. In der bildenden Kunst wird der heilige Geist als Engel oder weiße Taube dargestellt.

Ich sehe die Bilder zum Thema Dreifaltigkeit in der Gemäldegalerie in Berlin direkt vor meinem geistigen Auge jedoch fehlt mir die epochale Einordnung.

Ich würde denken, dass von der Kunst des frühen Mittelalters bis zur Gotik fast ausschliesslich kirchlische Themen Eingang in die Kunst fanden. Erst mit der Renaissance und dem neuen Weltbild (Galileo Galilei, , Johannes Gutenberg, Aufstieg der Städte und des Bürgertums, Reformation) fanden auch andere Themen in die Kunstwelt.

Die Darstellung der Dreifaltigkeit ist ein klassischer Fall von Lautmalerei / Onomatopoesie (siehe hier meinen Artikel dazu). Es ist die Darstellung von einem Gott und seinem Sohn gefragt. Irgendwann hat der erste Künstler, der sie interpretierte, entschieden, beide menschlich darzustellen und für die Göttlichkeit das Symbol des Heiligenscheins gewählt. Der heilige Geist ist viel schwerer darzustellen. Ich glaube, ich würde ihn eher als weiße Wolke darstellen als als Taube oder Engel.

Wenn ihr mehr von dem Projekt lesen wollt, dann könnt ihr das hier.

Blatt 28 Anubis oder einer ist geblieben (c) Zeichnung von Susanne Haun
Blatt 28 Anubis oder einer ist geblieben (c) Zeichnung von Susanne Haun

For my english reader:
„One is left, he stands on two legs, with semicircular arched body and cocked head, suspicious.“
from „The Temptation of St. Anthony“ by Flaubert.
Actually Flaubert speaks of a pack of jackals. But the mention of „standing Jackal“ , I had to think immediately of Anubis, the Egyptian god of the dead rituals.

Zur Zeit läuft die zweite Woche unserer Blogparade. Ute Schätzmüller stellte die Frage “Darf das Geschlecht der Künstler in der Rezeption und Beurteilung der Kunst eine Rolle spielen?” Wer Lust hat kann hier in die Diskussion einsteigen.

___________________________________________________________________________________
Quelle:
Gustav Flaubert, “Die Versuchung des heiligen Antonius, aus dem Französischen von Barbara und Robert Picht,insel Taschenbuch 1868, Erste Auflage 1996

19 Kommentare zu „Anubis? Einer ist geblieben – der heilige Antonius – Zeichnungen von Susanne Haun

      1. O, da weiß man eine Menge. Die Phänomene sind oft nicht eindeutig, klar. Aber es gibt in vielem mehr als Spekulation.
        Der Weg vom Schakal zu Anubis ist Assoziation. Nicht Spekulation.

        1. Da hast du recht, Theomix, ich habe mich vor Jahrzenten mit der 18. Ägyptischen Dinastie beschäftigt. Ich war nach einem Besuch des Ägyptischen Museums und der Nofretete und der Vorstellung von Echnaton von nur einem Gott so fasziniert, dass ich Buch über Buch darüber verschlang.

  1. Liebe Susanne,

    ich mag deine Arbeiten! Und ich freue mich auch schon auf den Satz – Schakale, Anubis, das Rudel, wie sie auftauchen und Antonius danach allein lassen!

    Nur, ist Lautmalerei nicht eigentlich ein Begriff aus der Sprachwissenschaft, der die Darstellung von Lauten durch Wörte mit ähnlichem Klang bezeichnet (z.B. das „Kuckuck“ des Kuckuck oder das „Rattern“ oder „Knattern“ eines alten Autos)?
    Du meinst doch eher die Symbolik der Bilder, oder? Die Darstellung von Heiligkeit durch die Symbole „Heiligenschein“, „Lichtstrahl“ oder „Gold“ o.Ä.

    Die Symbolik der christlichen Kunst ist übrigens sehr spannend. Einer meiner ehemaligen Dozenten ist Experte auf dem Gebiet und eigentlcih hatte mich das Seminar „Symbolgehalt der Bilder vom Mittelalter zur frühen Neuzeit“ nicht besonders interessiert, aber er hat das so spannend vermittelt, dass ich am Ende meine mündliche Prüfung in der Kunstwissenschft bei ihm abgelegt habe – über den Symbolgehalt von Christgeburtsbildern – hätte ich vorher auch nicht gedacht 😉

    Die Taube wurde übrigens als Symbol für den Heiligen Geist gewählt, da sie das einzige Tier ist, dass keine Galle besitzt und somit als sehr friedvoll (Friedenstaube) und sanftmütig galt.

    Liebe Grüße Ute

    1. Liebe Ute,

      danke für die Galle, Ute. Daher also die vielen dummen Sprüche über die Galle, „Da kommt mir die Galle hoch“ etc.

      Ich habe die Lautmalerei, Onomatopoesie in Zusammenhang mit derOlympische Rede des Dion Chrysostomos’ : „Phidias’ Wettstreit mit Homer“ kennengelernt.
      Meines erachtens kann die Göttlichkeit oder Heiligkeit nur symbolisch dargestellt werden, wir wissen ja nicht, wie sie aussieht. Aber Künstler wie Phidias haben Maßstäbe gesetzt. Was wäre, wenn Phidias seinen Zeus als Schakal dargestellt hätte?

      Ja, ich werde in nächster Zeit viel über den Symbolik der christlichen Kunst hören. Ich freue mich schon darauf, es ist bestimmt spannend. Im Kontrast höre ich einiges über die Videokunst der Moderne und Postmoderne. Freu!

      Hier mein Blogartikel zur Lautmalerei, Onomatopoesie dazu:
      http://susannehaun.wordpress.com/2012/10/27/alexandria-und-die-versuchung-des-heiligen-antonius-zeichnungen-von-susanne-haun/

      Liebe Grüße von Susanne

      1. Ja liebe Susanne, ich hatte den Artikel schon gelesen und mich gewundert, da ich die onomatopoesie eben nur aus der Literaturwissenschaft kenne 😉

        Ich denke Symbolik trifft es, denn ein Symbol ist ja, wie du oben beschrieben hast etwas, worauf man sich geinigt hat um etwas anderes (nicht darstellbares) anzudeuten. In der christlichen Kunst spricht man auch von „Ikonografie“ aber das wirst du dann ja auch noch erfahren 😉

        Am besten haben mir übrigens die symbolischen Eidechsen gefallen – die ja auch den ersten Blick gar nichts mit dem Christentum gemein haben. Um ihre Symbolik (und die meiste Tiersymbolik) zu verstehen lohn sich ein Blick ins „Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens“ und da findet sich zur Eidechse auf einmal die Geschichte, dass Eidechsen mit der Zeit blind werden und nur wenn sie einen Sonnenaufgang beobachten ihr Augenlicht zurückgewinnen -> Jesus -> Sonne -> Heilung der Blinden. Und auf einmal versteht man warum der Künstler die Eidechsen auf des Christgeburtsbild malte 🙂

        Lg Ute

        1. Liebe Ute,

          ich habe gestern die Dozentin nach der Lautmalerei gefragt und du hast recht, die Onomatopoesie ist der Literatur zugeordnet.
          Da wir sie im Zusammenhang mit Philias und Homer besprochen haben, habe ich sie Homer und Philias zugeordnet.
          Lautmalerei ist auch nicht positiv, sie bedeutet eher nachäffen. Chrysostomos, der den Begriff in der Olympischen Rede, in der er Dichtung mit Bildhauerei vergleicht, ordnet die Lautmalerei, das Nachäffen, Homer zu.

          Da aber in der bildenden Kunst auch Dinge dargestellt werden, die kein äußeres haben, müßte es doch einen ähnlichen Begriff für die bildende Kunst geben.
          Kennst du ihn?

          Gestern haben wir den Wettbewerb zwischen Ghiberti und Brunelleschi um die Bronzetüren des florentinischen Doms diskutiert und ich habe mich gefreut, bei Ghiberti die Eideckse zu finden. Ich werde noch ausführlich im Blog berichten.

          LG Susanne

          1. Liebe Susanne,

            ach, der Begriff war nicht positiv damals – interessant! Ich kenne ihn als Stilmittel aus der Gedichtanalyse und da kann Lautmalerei natürlich auch positiv sein.

            In der Kunst würde ich bei der Darstellung von Nichtsichtbaren durch Gegenstände oder ähnlichem von Symbolik (z.B. die Taube, Eidechse, Heiligenscheine, etc.) und bei der Personifizierung von Werten o.Ä. von Allegorien sprechen (z.B. Delacroix „Freiheit“, die das Volk führt).

            Bei Wikipedia fand ich folgendes: „In der bildenden Kunst und in weiten Teilen der mittelalterlichen und barocken Literatur tritt die Allegorie besonders in der Sonderform der Personifikation auf, in der eine Person durch Attribute, Handlungsweisen und Reden als Versinnfälligung eines abstrakten Begriffs, z. B. einer Tugend oder eines Lasters, agiert.“

            Lg ute

            1. Guten Morgen, Ute,

              Symbolik und Allergorien gibt es die nicht auch in der Literatur.
              Ich fand gerade das simple – was ja dann auch das nicht positiv gemeinte war – so schön. So anschaulich.

              Danke für den Wikipedia Eintrag.

              Das Papier ist zu dir unterwegs, ich habe es gestern Morgen in den Briefkasten gesteckt, so dass ich glaube, du wirst es heute in deinem Briefkasten finden. Ich habe dir noch drei Zitate dabei gelegt, damit es sich lohnt 🙂 .

              Ich wünsche dir einen schönen Tag
              Susanne

              1. Liebe Susanne,

                danke, dann ist das Papier ja vor mir in Essen 😉 Ich bin gerade bei meinen Eltern und erst morgen wieder daheim….

                Gestern war ich auf der Art Fair in Köln, jetzt leide ich unter „sensoric overload“ 😉

                Samstag wird meine Schwiegermutter auf die Kinder aufpassen, vielleicht schaffe ich ein paar Antoniuszitate!

                Liebe Grüße Ute

                1. Das war bestimmt klasse auf der Art Fair. Da wäre ich gerne dabei gewesen und kann den overload richtig spüren.
                  Dann wünsche ich dir einen schönen Abend und Samstag, lg Susanne

                  P.S. Ich quäle mich mit dem Haare Zitat, das ist so gar nicht meines 🙂 aber es muss ja gerecht sein… ich finde es inspirirend, nach deinen Zitaten zu arbeiten.

                  1. Liebe Susanne,

                    ja, die Art Fair an sich war klasse, die Führung leider nicht und danach konnte ich schon kaum noch etwas aufnehmen…

                    Das Papier ist da (schreib mir doch eine e-mail, was du dafür bekommst) und deine Sätze gefallen mir diesmal richtig gut! Den einen Satz hatte ich mir auch schon aufgeschrieben, den mit der Welt und den Organen 😉

                    Ich weiß auch noch nicht, wie ich das Haarebild mache, aber Redon hat eine sehr schöne Litho dazu gemacht.http://www.google.de/imgres?hl=de&client=firefox-a&hs=rxM&sa=X&rls=org.mozilla:de:official&channel=np&biw=1280&bih=586&tbm=isch&prmd=imvnso&tbnid=RZh97wTAPlkD7M:&imgrefurl=http://www.moma.org/collection/browse_results.php%3Fcriteria%3DO%253ADE%253AI%253A2%26page_number%3D124%26template_id%3D1%26sort_order%3D1&docid=xu_vEiu0CiIJaM&itg=1&imgurl=http://www.moma.org/collection_images/resized/225/w500h420/CRI_97225.jpg&w=287&h=420&ei=CAyUULOtKcrHsgb9xICgBA&zoom=1&iact=hc&vpx=212&vpy=115&dur=194&hovh=272&hovw=185&tx=118&ty=129&sig=112844764731958297021&page=1&tbnh=143&tbnw=95&start=0&ndsp=31&ved=1t:429,r:1,s:0,i:72

                    Lg Ute

                    1. Guten Morgen, Ute,

                      die email habe ich dir geschrieben.
                      Die Welt der Organe habe ich gestern gegen Mitternacht beendet. Ich werde sie heute bloggen.
                      Mal schauen, was du dazu schreibst.

                      Es ist noch Früh und ich denke über die Bilder der Teufelserscheinung nach.
                      Zwei habe ich auch dazu schon gezeichnet.

                      Danke für den Link 🙂 er schliesst das ganze Universum der Szene ein.

                      Liebe Grüße und einen schönen freien Samstag wünscht dir Susanne

Kommentar verfassen