Antonius weint; er sieht ihn. – Flaubert – Zeichnungen von Susanne Haun

„Die beiden Arme des Kreuzes werfen einen Schatten über den Sand. Der weinende Antonius bemerkt es.“ suchte Ute Schätzmüller als nächstes Zitat aus „Der Versuchung des heiligen Antonius“ aus.

Dieser Satz hat in meiner Übersetzung aus dem Insel Verlag einen völlig anderen Sinn:
Die beiden Kreuzearme werfen einen Schatten auf den Sand; Antonius weint; er sieht ihn.
Übersetzung von Barbara und Robert Picht

Die Gesichter des Kreuzes (c) Zeichnung von Susanne Haun
Die Gesichter des Kreuzes (c) Zeichnung von Susanne Haun

Egal, welche der beiden Übersetzungen ich betrachte, das, mein, Gehirn ist ein relativ unerforschter Teil unseres Körpers. Ich begann mit dem Zeichnen des Zitats und war in Gedanken bei der Lautmalerei, über die Ute und ich in den letzten Tagen diskutierten (siehe hier und hier).

So mit meinen Gedanken beschäftigt,  schrieb ich auf meiner ersten Zeichnung in „stiller Post Philosophie“: Die Gesichter des Kreuzes warfen Schatten …

Mir gefiel meine Änderung des Zitates so gut, dass ich noch zwei andere Versionen davon zeichnete und  erst dann wieder nach dem „richtigen“ Zitat zeichnete.

Die beiden Arme des Kreuzes warfen Schatten über den Sand (c) Zeichnung von Susanne Haun
Die beiden Arme des Kreuzes warfen Schatten über den Sand (c) Zeichnung von Susanne Haun

Am Rande erwähnt:
Ich stöbere immer wieder gerne bei zvab.com, dem zentralen Verzeichnis antiquarischer Bücher. Ich habe mich dort auch im Newsletter eingetragen und erhielt in meinem Maileingang am selben Tag wie Utes Zitate folgendes:
Der Wert eines Buches ergibt sich nicht immer nur aus dessen Inhalt – oder seiner Größe. Einbandgestaltung, Typografie und die verwendeten Materialien können ein jedes gebundenes Blattwerk zu einem wahren Schatz werden lassen. “

Wenn ihr mehr von dem Projekt lesen wollt, dann könnt ihr das hier.

for my English-speaking readers
The two crass arms be a shadow on the sand during Antonius is crying, he sees him. “ Translation by Barbara and Robert Picht
At First, I draw faces on the cross because in my brain was busy; I thought about Onomatopoesie, I don’t know the english name for this word. I liked my change of the quote so much that I even drew two different versions of it before I drew the „right“ quote.

Zur Zeit läuft die zweite Woche unserer Blogparade. Ute Schätzmüller stellte die Frage “Darf das Geschlecht der Künstler in der Rezeption und Beurteilung der Kunst eine Rolle spielen?” Wer Lust hat kann hier in die Diskussion einsteigen.

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Bibliographie:
Flaubert, Gustave, “Die Versuchung des heiligen Antonius, aus dem Französischen von Barbara und Robert Picht,insel Taschenbuch 1868, Erste Auflage 1996

4 comments

  1. Liebe Susanne, ich bin erst jetzt auf die sehr interessante Frage im Rahmen der Blogparade gestoßen und erlaube mir, meine – etwas provokanten – Gedanken dazu nachzureichen. Anlässlich meines Besuchs der großen Kitaj-Ausstellung im Jüdischen Museum beschäftigte mich dieses Thema neulich. Kitajs überaus spannende und bewegende Bilder hängen selbstverständlich professionell und perfekt inszeniert. Bei manchen ist die Farbgebung so intensiv und – im schlechten Sinne – bunt, dass sie das Kitschige streifen. Ich versuchte mir vorzustellen, wie eines dieser Bilder auf mich gewirkt hätte, wäre ich bei einem Flohmarktbummel darauf gestoßen, in beliebiger Nachbarschaft üblicher Hobbymalerbilder, die sich ja oft gerade durch ihre schrille Buntheit „auszeichnen“. Möglicherweise wäre es nicht weiter aufgefallen. Es ist also klar, dass Präsentation und Umgebung unsere Wahrnehmung von Qualität beeinflussen. In vielen Beiträgen zur Blogparade ist ja auch ganz unverblümt davon die Rede, die Präsentation zur Verkaufsförderung einzusetzen. Das ist natürlich legitim! Mich aber, als jemand, der keinerlei professionelle Absichten an das Zeichnen knüpft sondern es „interesselos“ betreibt (Kant lässt grüßen 😉 treibt der Gedanke um, dass das gute Bild absolut aus sich heraus wirken muss. Es biedert sich nicht an sondern wird entdeckt, und sei es in einem hässlichen Rahmen, auf einer Müllkippe, einem Dachboden etc. Es fordert den Betrachter heraus und verlangt ihm etwas ab. Womit ich fast schon bei der aktuellen Fragestellung der Blogparade bin. Die von Ute Schätzmüller zitierte Studie belegt ja gerade, wie wichtig es wäre, zu einer Vorurteilsfreien Beurteilung von Kunst zu gelangen, ohne Beeinflussung von Wissen über Autorschaft, Herkunft, Preis, gesellschaftliche Akzeptanz etc. Natürlich wird es das so niemals geben, aber wenn sich beim Betrachten eines Bildes dieses besondere Glücksgefühl einstellt, dann erlebe ich es gerade aus der Innigkeit intimer Zwiesprache zwischen mir und dem Bild heraus.Da muss der Rest der Welt außen vor bleiben. Herzliche Grüße, Stefan

    1. Lieber Stefan,
      danke für deine ausführliche Antwort.
      Es sollte so sein, dass wir Qualität auch auf dem Flohmarkt erkennen können.
      Das das nicht einfach ist, ist auch klar, da gerade mit der Moderne und Postmoderne eine große Anzahl an neuen Kriterien zur Betrachtung und Bewertung Einzug in die Kunstrezeption gehalten haben.
      Ich wage deshalb ja auch die These aufzustellen, dass der Erfolg der Leipziger Schule stark damit zusammenhängt, dass ohne GROSSE Nachgedanken die Kunst konzumiert und betrachtet werden konnte.
      Wenn du dich von der Kunst ernährst ist der Verkauf immer ein Kriterium aber NACH der Erstellung des Kunstwerkes.
      Das Kunstwerk selber soll aus dich heraus OHNE Gedanken an Verkauf entstehen.
      Für mich persönlich gehört die Präsentation ja deshalb auch unbedingt zum Kunstwerk hinzu.
      Wie definierst du HÄSSLICH, provokant gefragt. Eine Müllkippe ist für mich inspirierend (außer dem Gestank)
      In einigen Kunstwettbewerben wird die Identität der Beteiligten bei der Juryrung nicht offengelegt. Es wird durch Nummern eine Beziehung zwischen Werk und Vita hergestellt, die erst nach der Auswahl geöffnet wird.
      So war es z.B. bei der Ausschreibung Kunst am Bau im neuen BAM Gebäude.
      Das Glücksgefühl für einen Kauf oder eine Zuwendung für ein Bild stellt sich fast sofort beim ersten Betrachten ein.
      Beim mir jedenfalls.
      Herzliche Grüße von Susanne

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